33. Kulturwissenschaftlicher Dialog

 

Strategie neu denken – Wissen was man erreichen will

Clausewitz im Mittelpunkt des Dialogs

Von Peter E. Uhde

Carl von Clausewitz stand im Mittelpunkt des 33. Kulturwissenschaftlichen Dialogs sowie der Pilotkonferenz der gemeinsam von der Österreichischen Militärischen Zeitschrift (ÖMZ) und der Europäischen Militärpresse Vereinigung (EMPA) vom 21. bis 24. Juni durchgeführten Veranstaltung. Tagungsort war die Landesverteidigungsakademie (LVA) in Wien. Sie ist Trägerin der sicherheitspolitisch-militärwissenschaftlichen Forschung und Lehre in Österreich. Als schöpferischer Denker ist der preußische General wieder mehr in den Focus der Öffentlichkeit gerückt. Nicht nur in Militärkreisen, auch in Politik und Wirtschaft wird von Strategie gesprochen und auf Clausewitz zurückgegriffen. Sein allseits bekanntes und anerkanntes Werk „Vom Kriege“ ist in zahlreichen deutschen Ausgaben und in vielen Sprachen erschienen.

Der Soldat und Militärphilosoph

Einige Anmerkungen zur Person Carl von Clausewitz. Er wurde am 1. Juni 1780 in Burg bei Magdeburg geboren. Als zweitjüngstes von sechs Kindern stammte er aus einer Theologen- und Beamtenfamilie. Sein Vater wurde als Secondeleutnant im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) verwundet, erhielt seinen Abschied aus preußischen Diensten und wurde königlicher Steuereinnehmer. Die bescheidenen Familienverhältnisse führten dazu, dass der junge Carl mit zwölf Jahren als „Junker“ d.h. Gefreiter-Korporal, in das Infanterieregiment Prinz Ferdinand in Potsdam eintrat. Hier dienten bereits zwei seiner älteren Brüder. Mit 13 Jahren, am 20. Juli 1793, wurde er Fähnrich und 1795 Secondeleutnant. Nach dem Krieg verlegte das Regiment in die Garnison Neuruppin. Die nächsten Jahre nutzte er dazu, seine ungenügende Schulbildung durch Selbststudium zu verbessern.

„Lehrstabsoffizier“ an der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin

1801 schaffte er erfolgreich die Aufnahmeprüfung zum Besuch der „Kriegsschule für Offiziere“ in Berlin. Leiter der Schule war der spätere Heeresreformer Oberst Gerhard von Scharnhorst. Aus diesen Jahren entwickelte sich zwischen beiden eine lebenslange Freundschaft. Den verlorenen Feldzug von 1806 erlebte der im November 1805 zum Stabskapitän beförderte als Adjutant von Prinz August von Preußen, mit dem er in französische Gefangenschaft geriet. Die Zwangsinternierung endete erst im Oktober 1807. 1810 wurde er Major und als Lehrer an die Allgemeine Kriegsschule versetzt. Seine Unterrichtsfächer waren: Kleiner Krieg, Generalstabsverrichtungen und eine Übersicht von den Wirkungen der Artillerie, der Feldverschanzungskunst und dem Bau der Kriegsbrücken. Nun heiratete er auch seine langjährige Verlobte, Marie Gräfin von Brühl, die Ehe blieb kinderlos.

Tauroggen ist der Wendepunkt

Ein entscheidender Einschnitt in seine militärische Laufbahn war das Ausscheiden aus preußischen Diensten und der Eintritt in das russische Heer. Anlass war der Abschluss des preußisch-französischen antirussischen Zweckbündnisses. Clausewitz war nicht der einzige Offizier, der aus patriotischen Gründen die Seite wechselte. Eine gewünschte Truppenverwendung wurde ihm aber aufgrund der nicht vorhandenen russischen Sprachkenntnisse verweigert. Bei den Verhandlungen zur Konvention von Tauroggen war er als russischer Unterhändler beteiligt. Er konnte den preußischen General York von Wartenberg, den Führer des preußischen Hilfskorps überzeugen, am 30. Dezember 1812 mit der russischen Armee einen Waffenstillstand zu schließen. Das bedeutete den Beginn der Loslösung von Frankreich. Nach dem Ausscheiden Preußens aus der Zwangskoalition mit Frankreich versuchte Clausewitz wieder in preußische Dienste einzutreten. König Friedrich Wilhelm III. gab dem Ansinnen nicht statt und es dauerte bis zum 11. April 1814 bis der inzwischen zum Oberst beförderte Clausewitz wieder in die preußische Armee übernommen wurde. An den Feldzügen nach Napoleons Rückkehr aus Elba 1815 nahm Clausewitz als Generalsstabschef des III. Korps unter General Johann Adolf von Thielmann teil.

An der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin

Nach Ende der napoleonischen Kriege wurde Clausewitz im Herbst 1815 Chef des Stabes beim preußischen Generalkommando in Koblenz. Kommandierender General war August Neidhard von Gneisenau. Nach drei Jahren erfolgte seine Berufung nach Berlin als Verwaltungsdirektor der Allgemeinen Kriegsschule. In dieser Verwendung fühlte er sich nach einiger Zeit nicht wohl, obwohl er im September 1819 zum Generalmajor befördert wurde und 1827 vom König die offizielle Bestätigung seines Adelstitels erfolgte. In diesen Jahren arbeitete er intensiv an seinen theoretischen militär-philosophischen Ansichten. Es entstanden die wesentlichen Teile des Werkes „Vom Kriege“, das aber erst nach seinem Tode von seiner Witwe veröffentlicht wurde. Dieses Werk hat seine Bedeutung bis in die heutige Zeit.

Die Cholera und Tod in Breslau

Im März 1830 ging für Clausewitz ein Wunsch in Erfüllung. Er erhielt ein Truppenkommando und wurde Inspekteur der 2. Artillerieinspektion in Breslau. Aber schon ein Jahr später wurde er Generalstabschef unter dem Kommando von Feldmarschall Neidhardt von Gneisenau, der eine Armee im Osten Preußens im Falle des Kriegsausbruchs gegen die Polen führen sollte. Es kam aber zu keinen Kampfhandlungen, aus dem russischen Teil Polens breitete sich eine Cholera-Epidemie aus. Am 23. August 1831 fiel ihr Gneisenau zum Opfer. Auch Clausewitz wurde von der Epidemie erfasst und starb am 16. November in Breslau. Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass Generalmajor Carl von Clausewitz eine eigenverantwortliche Kommandeursverwendung in der preußischen Armee verwehrt geblieben war, er war immer ein „Mann des zweiten Gliedes“. Die Bedeutung als „Kriegsphilosoph“ begann nach seinem Tod mit der Veröffentlichung der hinterlassenen Schriften, darunter das Gesamtwerk „Vom Kriege“.

Bedeutung für das Gegenwartsgeschehen

Mit Clausewitz als „kriegerischem Genius“ leitet Andreas Stupka (LVA) den Kulturdialog ein. Das strategische Denken und sich daraus ableitende Funktionsprinzipien stehen im Mittelpunkt von Wolfgang Peischels (LVA) Vortrag. „Die Unberechenbarkeit des Krieges“ (Günther Fleck, LVA) und eine Computersimulation dazu (Erich Neuwirth, LVA) folgen. Betrachtungen zu „Gewaltsamkeit, Hass und Feindschaft bei Clausewitz“ (Donald Abenheim, Monterey) schlagen den Bogen zu den Kriegen und Konflikten in der heutigen Zeit. „Clausewitz und Waterloo“ (Wolfgang Etschmann, LVA), „Clausewitz im Spannungsfeld von Authentizität und `Ungehorsam` (Paul Ertl, LVA) und „Alexander Suworow in den Werken von Clausewitz“ (Vasily Belozerov, Moskau) setzen die Vorträge fort. Ein „Philosoph in Uniform“ (Christian Stadtler, Wien) und als „politischer Denker“ (Alexander Dubowy (Wien) beenden den ersten Teil der Veranstaltung.

Zweck – Ziele - Mittel

Die Pilotkonferenz „Strategie neu denken“ leitet Wolfgang Peischel mit den Betrachtungen welche Rolle militärische Fachmedien als Instrumente der strategischen Kommunikation und als Träger des militärwissenschaftlichen Diskurses spielen könnten ein? Das Ziel der Schaffung eines strategischen Fachmediums, ausgehend vom deutschen Sprachraum, das in periodischer Folge erscheinen soll und zur europäischen Strategieentwicklung beiträgt, ist seine Vision. Der Chefredakteur der ÖMZ, wohl augenblicklich das einzige Fachmedium, das diesem Anspruch gerecht werden kann, sieht sich hier in der Rolle eines Vorreiters, der als Präsident der EMPA (2015-2019) das Netzwerk dieser Organisation nutzen will.

Langfristiges strategisches Denken wird gebraucht

Als Vertreter der Clausewitz-Gesellschaft untersucht Generalmajor a.D. Christian Millotat zusammen mit Manuela R. Krueger den militärischen Beitrag Clausewitz zum strategischen Denken und Handeln. An den Ländern Ukraine und Syrien wird das Fehlen von einer Gesamtstrategie zur Problemlösung von Wulf Lapins erläutert. Aus der Redaktion der Bundeswehr ist Andrea Zückert anwesend. Sie befasst sich mit Strategischer Unternehmenskommunikation der deutschen Streitkräfte. Auf ein ganz anderes Feld führt Jörg-Dietrich Nackmayer die Konferenzteilnehmer. „Die Arktis - Testfeld für eine neue, globale, geopolitische Architektur“, hat er seinen Vortrag betitelt. Im thematischen Anschluss erläutert Flottillenadmiral Karsten Schneider die neuen maritimen Perspektiven, die sich aus dem strategischen Denken ergeben. Die Arktis wird als das zukünftige sicherheitspolitische Konfliktfeld gesehen. Die geopolitischen Interessen an dieser Region mit ihren Bodenschätzen sind unübersehbar.

Der Tag des „Brexit“ war kein gutes Omen

Neben anderen Referaten soll hier nur noch das des ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr (1991-1996) und anschließend bis 1999 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses General a.D. Klaus Naumann hingewiesen werden. In seiner nüchternen Sachstandsanalyse und Lagebeurteilung zu Europa und der Probleme der Welt, die am Tag des „Brexit“ am 25. Juni stattfindet, führt er die Zuhörer in die Vergangenheit des „Kalten Krieges“, blickt auf die Zeit seit der Deutschen Einheit zurück und erinnert an das was noch kommen kann. Die Uneinigkeit Europas in verteidigungs- und sicherheitspolitischen Fragen ist eines der Übel, das es zu überwinden gilt. Die Verabschiedung von nationalen Interessen und gemeinsames Handeln gegenüber den Herausforderungen der Zukunft ist ein dringendes Gebot. Bleibt zum Abschluss die Frage nach dem Fazit der Pilotveranstaltung? Das Clausewitz-Zitat soll es hergeben: „…die Verhältnisse der materiellen Dinge sind alle sehr einfach, schwieriger ist das Auffassen der geistigen Kräfte, die im Spiel sind“.

Anmerkung:
Es gibt keine eindeutige Definition des Strategiebegriffs. Im Wörterbuch zur Sicherheitspolitik ist zu lesen: Moderne Strategie versteht sich als Teil der Sicherheitspolitik und Methode zum Erreichen sicherheitspolitischer Ziele, indem sie Diplomatie und Außenpolitik, Verteidigungspolitik sowie Finanz-, Wirtschafts-, Entwicklungs- und Technologiepolitik auf ein Ziel hin ausrichtet.

 
Nach oben Zurück
Veranstaltungskalender
 

GSP-Veranstaltungskalender

Legende: Termin exportieren - Zur Sektionsseite - Termininfo versenden - Terminerinnerung anfordern - Bei Veranstaltung anmelden