Wir erinnern

Freudentränen auf der Mauer

9. November 1989: Fall der Berliner Mauer

Von Peter E. Uhde
Fall der Berliner Mauer 1989, Fotograf unbekannt, Reproduktion von Lear 21, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dieser Tag ist in die Geschichte eingegangen. Vor einem Vierteljahrhundert öffneten sich die Schlagbäume des sozialistischen Schutzwalls in West-Berlin. Der „Fall der Mauer“ ist der entscheidende Schritt zum Zusammenbruch des kommunistischen DDR-Regimes und des Ostblocks. Abgebaut und zerlegt, gesprengt und umgefallen ist sie erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990. Bei allen Feierlichkeiten, die in den kommenden Tagen an die Ereignisse vor 25 Jahre erinnern, sollte nicht übersehen werden, wie es am 13. August 1961 begann.

Deutschland ist geteilt

Berlin, „Frontstadt des Kalten Krieges“ ist nach 1945 geteilt. Amerikaner, Briten, Franzosen und die Sowjets herrschen in ihren jeweiligen Sektoren. Die erste Krise erlebt die geteilte Stadt 1948/49 durch die Abriegelung der Land- und Wasserwege durch die Sowjets. Nur durch die Einrichtung der Luftbrücke gelingt es den Alliierten Schutzmächten die Versorgung der Bewohner West-Berlins sicherzustellen.

Am 26. Mai 1952 wird der Deutschlandvertrag zwischen den Westmächten und der Bundesrepublik unterzeichnet. Als „Gegenmaßnahme“ verabschiedet die DDR die „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands“. Tags darauf folgt die „Polizeiverordnung über die Einführung einer besonderen Ordnung an der Demarkationslinie“. Das bedeutet die Schaffung eines zehn Meter breiten Kontrollstreifens, ein 500 Meter breiter Schutzstreifen und eine fünf Kilometer breite Sperrzone werden systematisch ausgebaut. Dabei werden etwa 8.000 Zwangsevakuierungen „unzuverlässiger“ Personen aus dem Grenzgebiet vorgenommen. Das ganze lief unter dem Tarnnamen „Ungeziefer“. Etwa 3.000 der ausgesiedelten können sich in den Westen absetzen. Der Todessstreifen mitten durch Deutschland hat eine Länge von 1.378 Kilometer. Das entspricht einer Luftlinienentfernung von Berlin bis Toulouse in Südfrankreich. Die Anzahl der verlegten Minen beträgt zwischen 1,3-1,4 Millionen. Bis 1985 werden die Minensperren zwar geräumt, aber für 34.000 Minen ist kein sicherer Nachweis der Räumung und Vernichtung vorhanden. Zwischen 1971 und 1984 sind an den Zäunen rund 55.000 Selbstschussanlagen angebracht. 818 Beobachtungstürme und Führungsstellen sichern die lückenlose Überwachung. Die Anzahl der Todesopfer liegt nach Schätzungen bei 1.129.

Aufstände am 17. Juni 1953

Im Frühjahr 1953 kommt es in Betrieben und Gefängnissen der DDR zu Protesten gegen die Arbeits- und Haftbedingungen. Am 16./17. Juni gibt es in Ost-Berlin und in mehr als 560 Orten in der DDR Streiks und Massendemonstrationen gegen das kommunistische Regierungsregime. Dem gelingt es nur mit Hilfe sowjetischer Panzer und der Kasernierten Volkspolizei den Aufstand bis zum 21./22. Juni blutig niederzuschlagen. Zum Gedenken an den Aufstand und die Opfer wird der 17. Juni zum „Tag der Deutschen Einheit“. Er bleibt es bis zur Wiedervereinigung 1990, seitdem ist es der 3. Oktober.

Am 20. Januar 1961 betritt der jüngste gewählte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, John F. Kennedy, die politische Weltbühne. Schon am 3./4. Mai treffen sich der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Nikita Chruschtschow und Kennedy in Wien. Die Hoffnung einer politischen Annäherung, auch der deutschen Frage, erfüllt sich nicht. Kennedy benennt in einer Rede am 25. Juli drei Bedingungen für West-Berlin: den freien Zugang, das Recht der Truppenstationierung und die generelle Überlebensfähigkeit.

Immer mehr Bürger verlassen die DDR

In Ost-Berlin und der DDR haben sich die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nicht verbessert. Immer mehr Menschen verlassen über Berlin die DDR. Es sind nicht nur Akademiker sondern auch Handwerker, Facharbeiter, Bauern, Studenten und Schüler, die in der DDR keine Zukunft mehr sehen. 1960 beträgt die Zahl der registrierten Flüchtlinge 199.188 und bis zum 13. August 1961 sind es schon 155.402. Das „Ausbluten“ der DDR ist abzusehen.

Walter Ulbricht 1961: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten". Foto: Bundesarchiv Bild 183-83911-0002, Lizenz: CC BY-SA-3.0-de

Die Planung zur Schließung der Sektorengrenze war zwischen dem Partei- und Staatschef Walter Ulbricht und Chruschtschow schon seit Monaten im Gespräch. Die Vorbereitung für die operativen Maßnahmen wurde dem Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates Erich Honecker übertragen. Vom 3. bis 5.August 1961 findet in Moskau eine Beratung der Parteichefs des Warschauer Paktes statt. Hier holen sich Chruschtschow und Ulbricht die Zustimmung der Grenzschließung. Im Westen ist man vollkommen überrascht, als in der Nacht zum Sonntag, dem 13. August die Grenzschließung der Mauerbau mitten durch Berlin beginnt. X-Zeit für die Aktion „Rose“ ist 01:00 Uhr. Grenzpolizisten reißen Pflastersteine auf errichten Stacheldrahtbarrieren. Berliner, die das mitbekommen protestieren, einige versuchen die Barrikaden einzureißen. Die Grenzpolizei setzt Wasserwerfer ein und nimmt Demonstranten fest. Hohlblocksteine werden zu einer provisorischen Mauer aufgeschichtet und später durch Maurer ausgebaut. Wieder einmal stehen sich Ost und West mit Panzern mitten in Berlin gegenüber. Der erste Tote im Zusammenhang mit der Mauer ist der 18-jährige Bauarbeiter Peter Fechter, der bei einem Fluchtversuch am 17. August angeschossen wird und wenige Schritte von der Grenze verblutet. Weder Grenzpolizisten noch Alliierte retten ihn aus dem Stacheldraht. Das letzte Maueropfer ist er 20-jährige Chris Gueffroy, der am 5. Februar 1989 beim Fluchtversuch von Grenzsoldaten erschossen.

Das Ende des Regimes naht

Ab den achtziger und neunziger Jahren wird immer deutlicher, dass das kommunistische System politisch und wirtschaftlich am Ende ist und auch keine Aussicht auf Verbesserungen besteht. Die Bürger merken das und es formieren sich oppositionelle Kreise. Am 11. März 1985 wird Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU. Er setzt mit Glasnost und Perestroika einen Reformprozess des politischen Systems in Gang. Im August 1988 flüchten DDR-Bürger in die deutsche Botschaft in Budapest. Tausende folgen, die in Zeltlagern, auf Campingplätzen und in Pensionen am Plattensee sowie anderen Ferienregionen Ungarnsauf eine Ausreisemöglichkeit in den Westen warten. Am 19. August gelingt es hunderten von Menschen in Sopron durch eine Lücke des Grenzzaunes nach Österreich zu gelangen. Am 10. September setzt Ungarn das Abkommen von 1969 aus, das die Ausreise von Ostdeutschen in ein Drittland ohne gültiges Visum untersagt. Das nutzen in den folgenden Tagen rund 15.000 Bürger aus, um die DDR zu verlassen. Auch die deutsche Botschaft in Prag ist voller Flüchtlinge. Am Abend des 30. September verkündet ihnen Außenminister Hans-Dietrich Genscher die freie Ausreise.

Der letzte Aufmarsch

Am 7. Oktober 1989 hat sich in Ost-Berlin viel kommunistische Prominenz versammelt. Gorbatschow steht auf der Ehrentribüne rechts neben dem greisen Honecker. Mit Aufmärschen, einer Militärparade und einem Fackelzug von etwa hunderttausend Jugendlichen der „Freien Deutschen Jugend“ begeht die DDR den 40. Jahrestag ihrer Gründung. Abends kommt es zu spontanen Demonstrationen. Gorbatschow mahnt die DDR-Führung zu Reformen. Sein Satz: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, nimmt die Opposition auf. In Leipzig versammeln sich am 9. Oktober mehr als 70.000 Menschen zur Montagsdemo. Am 18. Oktober entbindet das Zentralkomitee der SED Honecker „aus gesundheitlichen Gründen“ von allen Funktionen in Partei und Staat. Egon Krenz wird sein Nachfolger. Die Situation ist inzwischen so instabil, dass die Regierung eine Amnestie für Flüchtlinge und Demonstranten beschließt. Die Bevölkerung ist aber nicht mehr zu beruhigen. Am 4. November demonstrieren mehr als fünfhunderttausend Menschen in Ost-Berlin für freie Wahlen, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und die Zulassung oppositioneller Gruppen.

Günter Schabowski: …unverzüglich, sofort ….

Am 9. November wird die Mauer endgültig durchlässig. Das ist von der politischen Führung nicht geplant und eher dem Zufall zu verdanken. Gegen 19.00 Uhr stellt sich Günter Schabowski, Informationssekretär des SED-Zentralkomitees, auf einer internationalen Pressekonferenz den Journalisten. Er verkündet einen Beschluss des Ministerrates: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin (West) erfolgen.“ Nach dieser Aussage fragt ein Journalist nach, ab wann das denn gültig sei. Schabowski, der bei der Beschlussfassung nicht dabei war, sagt sinngemäß nach seiner Kenntnis „sofort, unverzüglich“. Geplant war ein gestaffelter Prozess der Öffnung, der sich über Wochen hinziehen sollte. Diese Aussage verbreitet sich schnell in Berlin und die Menschen strömen zu den Grenzübergangsstellen, deren Posten haben keine Anweisungen und so stürmen die DDR- Bürger in den Westen. Nach 28 Jahren keine Trennung mehr zwischen Ost und West.

Bundesregierung und Westen sind überrascht und unvorbereitet

Der Deutsche Bundestag unterbricht am 9. November um 20.22 Uhr seine 174. Sitzung. Um 20.46 Uhr wird sie fortgesetzt. Rudolf Seiters, Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes gibt eine Erklärung für die Bundesregierung ab. Auch die Fraktionen würdigen das Ereignis. Auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker erklärt am nächsten Tag: „ …dass Freiheit auf Dauer nicht eingemauert werden kann…“.

Die nächsten Etappen bis zur Wiedervereinigung sind: „Zehn-Punkte-Programm“ zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas“ (28. November); Zusammentreten des „Runden Tisch“ (7. Dezember); erste freie Wahlen in der DDR (18. März 1990); Währungsunion (1. Juli 1990); Staatsbesuch Bundeskanzler Kohl in der Sowjetunion-Zustimmung Gorbatschow zur Vereinigung Deutschlands (14.-16. Juli 1990); Unterzeichnung des Vertrages über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland (Zwei-plus-Vier-Vertrag, 12. September in Moskau) und Wiedervereinigung 3. Oktober 1990.

Literaturhinweise:

Berlin, 13. August, Hrsg. Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen, Bonn/Berlin, September 1961;
Über Grenzen, Beiheft 1/90 zur Information für die Truppe, Hrsg. BMVg.;
25 Jahre Freiheit und Einheit, Hrsg. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 2014.

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