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Also sprach „the real Donald Trump“

Von Kersten Lahl
GenLt a.D. Kersten Lahl

Wann gab es schon einmal einen übleren Wahlkampf um das wichtigste Amt der Welt als den des vergangenen Jahres? Umso größer war das kollektive Aufatmen, als sich wenige Tage nach dem zunächst schockierenden Endergebnis eine gewisse Zuversicht breitmachte: Warten wir mal ab, es wird schon nicht so schlimm werden. Heute freilich ahnen wir: Vielleicht kommt es noch viel schlimmer als befürchtet. Die erste Rede Donald Trumps als US-Präsident lässt jedenfalls einigen Zweifel aufkommen an der Annahme, Amerika bleibe auch künftig ein verlässlicher Partner und eine rundum verantwortungsvolle Führungsnation in einer Welt, die wie selten zuvor sowohl auf ein integrierendes Miteinander als auch auf kraftvolles Leadership angewiesen ist. Das Gegenteil droht.

Niemand stellt in Frage, dass die USA ihre eigenen Interessen verfolgen und diesen in ihrem Handeln auch höchste Priorität einräumen dürfen. Das tat Amerika immer, und das machen letztlich alle Nationen. Warum nicht? Etwas Gegenteiliges in altruistischer Manier zu behaupten, wäre scheinheilig. Insofern ist Trumps Devise „America first“ aus amerikanischer Sicht fast schon eine Banalität. Das klingt im Prinzip nicht anders als etwa „mia san mia“, was man im Süden Deutschlands auch mit „Bavaria first“ übersetzen könnte, ohne die Grundprinzipien von Demokratie und Föderalismus zu unterlaufen. Ganz normal also.

Leider meint Trump aber mehr als das. Leider sagt er unverblümt zwischen den Zeilen: Amerika geht es nur gut, wenn es allen anderen schlechter geht. Zumindest ist ihm das Schicksal der „Restwelt“ ziemlich gleichgültig. Welch ein Unterschied ist das zu der traditionellen amerikanischen Außenpolitik, die nahezu immer auf globale Vorzüge demokratischer Werte und auf kollektive Prosperität setzte. Auch wir Deutschen verdanken dem unendlich viel. Die amerikanische Grundphilosophie mag mitunter ideologisch überpointiert umgesetzt worden sein und seine Ziele verfehlt haben. Aber im Kern galt als bisherige Linie: Amerika geht es dann besonders gut, wenn es ehrlich für eine globale Ordnung eintritt, die letztlich allen Beteiligten nutzt. Das trifft zu von der Wirtschaft über die Sicherheit bis hin zur Kultur.

Donald Trump wendet sich so klar wie radikal von dieser Erkenntnis ab. Zumindest rhetorisch, vorerst. Seine Heilslehre für ein vorgeblich zerrüttetes Amerika zielt auf Abschottung und einen Egoismus, der nationalistisch anmutet. Ob das seinen Wählern auf längere Sicht dient, darf man bezweifeln. Macht es etwa Sinn, eine Grenzmauer zu bauen, und gleichzeitig internationalen Unternehmen, die im Nachbarland Mexiko investieren und damit indirekt auch den Migrationsdruck mindern, mit Strafen zu drohen? Oder: Gilt die volkswirtschaftliche Weisheit nicht mehr, dass Protektionismus und damit das staatliche Unterdrücken des Wettbewerbs früher oder später auch den eigenen Wohlstand untergräbt? Oder: Kann es sich die mit weitem Abstand stärkste Militärmacht der Welt wirklich leisten, seine Verpflichtung zu partnerschaftlichem Beistand unklar zu lassen und damit vielleicht auch eine potenzielle Krisenlage heraufzubeschwören, in der auch etwa über einen Einsatz nuklearer Mittel konkret zu entscheiden ist? Nein, alles das kann und darf eigentlich nicht passieren.

Wenn man Trumps Rede am 20. Januar 2017 (hoffentlich wird man dieses Datum später einmal nicht als historische Zäsur bezeichnen müssen) im Zusammenhang liest, fühlt sich so mancher vielleicht an das Computerspiel Civilization erinnert. Der neue US-Präsident nimmt dabei die Rolle eines ambitionierten Spielers ein, der trotz passabler Ausgangslage frustriert über den bisher schleppenden Verlauf ist und die Entscheidung einfach mal mit einer radikal geänderten Strategie sucht: „Neue Straßen und Autobahnen und Brücken und Flughäfen und Tunnel und Bahnstrecken quer durch unser wunderbares Land bauen“ (O-Ton Trump auf dem Capitol Hill), Steuern senken, Gesundheitsvorsorge runterfahren, Klimaschutz unterlaufen, polarisieren und beleidigen, sich mit anderen knallhart anlegen, Zähne zeigen und Diplomatie vergessen. Vielleicht klappt das kamikazeartige Vabanquespiel, und der strahlende Sieger steht fest. Aber wenn der Versuch voll gegen die Wand fährt, dann drückt man bei Civilization eben auf Reset und fängt wieder von vorne an. Der feine Unterschied: Das funktioniert zwar in einer Computersimulation, aber dummerweise in der Realität nicht.

Damit jetzt aber genug der Jammerei über das Ergebnis einer demokratischen Wahl. Es hilft nichts: Wir müssen nun mit einem Phänomen umzugehen lernen, dessen Unberechenbarkeit mit logischem Verstand kaum zu greifen ist. Wenn man so will, geht es auch um verzweifelte Schadensbegrenzung mit weitem Blick nach vorn. Als strategische Alternativen im künftigen Umgang mit dem Trump’schen Amerika bleiben uns:

1. Eine harte konfrontative Auseinandersetzung auf der Basis unserer Werte und Überzeugungen – in der Hoffnung, eine Kehrtwende zu erzwingen.

2. Eine devote Unterwerfung angesichts unserer Abhängigkeit im Sinne eines vorausschauenden Gehorsams – in der Hoffnung, damit wenigstens eine relative Bevorzugung zu erreichen.

3. Eine eher abwartende Kompromisslinie, also ein vorsichtiges Abtasten im Sinne strategischer Geduld – in der Hoffnung, mit unseren Argumenten irgendwann durchzudringen.

Welche Linie auch immer wir bevorzugen (vermutlich wird es die Alternative 3 sein): Entscheidend bleibt, dass wir uns in der EU nicht weiter auseinanderdividieren lassen. Der Brexit muss ein einmaliger Ausrutscher bleiben und zugleich als Lehre dienen. Das dürfte wohl seit dem Amtsantritt Donald Trumps jedermann klargeworden sein. Jetzt schlägt die Stunde Europas. Überhören wir das Signal, werden wir das früher oder später bitter bereuen. Umgekehrt ließe sich mit einer gehörigen Portion Optimismus sagen: Vielleicht ist das Trompetensignal Trumps der Weckruf, den wir in Europa auf dem Weg zu mehr Einheit und zu weniger dumpfem Populismus brauchen. So mancher wird heute vielleicht auf dem ungewöhnlichen Weg des Nachdenkens erkennen: Engagement für unsere Werte lohnt sich wieder.

PS in eigener Sache: Die kommenden Wochen und Monate versprechen sehr viel mehr Spannung, als uns vielleicht lieb ist. Die Umsetzung der neuen amerikanischen Politik auf der Grundlage einer neuen Administration (die im Einzelnen noch zu bewerten sein wird) verdient eine enge Begleitung. Wir werden mit unserem Autorenteam versuchen, dem auch hier im GSP-Blog Rechnung zu tragen und damit einige – bewusst auch provokative – Impulse zur sicherheitspolitischen Diskussion zu geben. Über jede kommentierende Beteiligung freuen wir uns sehr. Es dürfte ja kein Mangel an unterschiedlichen Meinungen herrschen. Jede ist willkommen.

 
 
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