Nachruf

Herausforderungen immer gewagt

Von Peter E. Uhde
Foto: Bundeswehr / Matthias Zins

Jörg Schönbohm, ehemaliger Inspekteur des Heeres, Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Innensenator von Berlin und Minister des Inneren und stellvertretender Ministerpräsident des Landes Brandenburg ist am 8. Februar 2019 verstorben.

Am Tag der Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, wird Generalleutnant Jörg Schönbohm in der Öffentlichkeit bekannt. Mit Übertragung der Befehlsgewalt über das „Bundeswehrkommando Ost“ steht er im Blickpunkt des Interesses und an der Schnittstelle zwischen Militär und Politik. Als Befehlshaber des Kommandos in Strausberg wird ihm die Auflösung der Nationalen Volksarmee beziehungsweise die Integration von Teilen in die Bundeswehr übertragen.

Seine Laufbahn beginnt bei der Artillerie

In den letzten Kriegsmonaten 1945 kommt Schönbohm, der am 2. September 1937 in Neu Golm/Bad Saarow in der Mark Brandenburg geboren wurde, nach Hessen. In Kassel macht er 1957 Abitur und tritt als Offizieranwärter beim Feldartillerieregiment 2 in Niederlahnstein in die Bundeswehr ein. Nach der Offizierausbildung folgen Verwendungen als Zugführer beim Panzerartilleriebataillon 55 in Homberg/Efze und beim Raketenartilleriebataillon 22 in Wolfhagen. Danach ist er Hörsaalleiter an der Heeresoffizierschule I in Hannover, bevor er 1964 Batteriechef im Feldartilleriebataillon 11 in Hannover wird.
Nach der Ausbildung für den Generalstabsdienst (1968 bis 1970) wird er G-1-Stabsoffizier der 11. Panzergrenadierdivision in Oldenburg. 1973 folgt die Versetzung nach Brunssum in das Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte Europa-Mitte. Nach dreijähriger Auslandsverwendung schließt sich 1976 die Verwendung als Kommandeur des Panzerartilleriebataillon 85 in Lüneburg an. Danach Referatsleiter im Führungsstab der Streitkräfte in Bonn.
Im Herbst 1982 wird Manfred Wörner Verteidigungsminister, Schönbohm sein Adjutant, nach einem Jahr übernimmt er die Panzerbrigade 21 in Augustdorf. Nach zwei Jahren als Kommandeur kehrt er ins Verteidigungsministerium als stellvertretender Leiter des Planungsstabes zurück.

Ständiger Dienstpostenwechsel

Mit der Übernahme der 3. Panzerdivision in Buxtehude im April 1988 ist die Beförderung zum Generalmajor verbunden. Der neue Verteidigungsminister Rupert Scholz ernennt ihn zum Leiter des Planungsstabes. Mit der Wiedervereinigung übernimmt Schönbohm am 3. Oktober 1990 als Befehlshaber das „Bundeswehrkommando Ost“. Ein Jahr fungiert er an der Schnittstelle zwischen Militär und Politik. In seinem Buch „Zwei Armeen und ein Vaterland. Das Ende der Nationalen Volksarmee“ schildert er diese Zeitspanne. Eine seiner Aussagen bei der Übernahme des Kommandos in Strausberg: “Wir kommen nicht als Sieger oder Eroberer. Wir kommen als Deutsche zu Deutschen“, fand in der Öffentlichkeit positive Zustimmung.
Am 1. Oktober 1991 tritt Generalleutnant Schönbohm den Dienst als 12. Inspekteur des Heers an. Aber schon am 18. Februar 1992 wechselt er als Staatssekretär in die politische Leitung des Verteidigungsministeriums. Als einer der beiden beamteten Staatssekretäre ist er zuständig für Sicherheitspolitik, Rüstung und Bundeswehrplanung.

Zurück nach Berlin und Brandenburg

Nach dem aktiven Dienst als Soldat ist er Mitglied der Christlich Demokratischen Union (CDU) geworden. Am 25. Januar 1996 wird er Senator für Inneres in Berlin. Die Große Koalition aus CDU und SPD führt Eberhard Diepgen. Die Brandenburger CDU wählt ihn im Januar 1999 mit 98 Prozent der Stimmen zu ihrem Landesvorsitzenden, das bleibt er bis zum 27. Januar 2007. In Brandenburg wird er im Oktober 1999 Minister des Inneren und stellvertretender Ministerpräsident. Vom April 2000 bis November 2006 ist er auch Mitglied des Präsidiums der CDU Deutschlands. Mit der Parteivorsitzenden Angela Merkel war er als Konservativer nicht immer einer Meinung. Die Aussetzung der Wehrpflicht hielt er für einen Fehler.
Mit seiner Frau wohnt er in Kleinmachnow in Brandenburg. Das Ehepaar hat drei erwachsene Kinder. „Den Horizont erweitern“ hat Schönbohm im Fragebogen der Frankfurter Allgemeine Zeitung als seine „Lieblingsbeschäftigung“ einmal genannt. Dass dem Kanonier von 1957 dies in seiner militärischen und politischen Karriere immer wieder gelungen ist, anerkennen auch seine politischen Gegner. 2009 geehrt mit der Manfred Wörner-Medaille und ausgezeichnet mit deutschen und ausländischen Orden ist Jörg Schönbohm am 8. Februar im 82. Lebensjahr verstorben.