Buchbesprechung

Rückschau auf operatives Denken und zukünftige Entwicklungen

Von Peter E. Uhde

Nach Auflösung der Sowjetunion und der Zeit der Entspannung zwischen den Gesellschaftssystemen, wäre die auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2018 vorgestellte Fachpublikation „Grundzüge des operativen Denkens in der NATO. Ein zeitgeschichtlicher Rückblick auf die 1980er-Jahre und Ausblick“ unbeachtet geblieben.

Seit die politischen Krisen und Konflikte zwischen Ost und West zugenommen haben, ist eine Beschäftigung mit operativem Denken wieder aktuell. Bei den Ausgangsüberlegungen stellt der Autor dann auch gleich die Frage: Was ist operatives Denken? Mit seiner Antwort will er den Leser auf den gedanklichen Weg durch das Buch bringen. Das ist nicht immer einfach. Denken bedeutet bewusst, effizient, produktiv, unverzüglich zu handeln. So können Sachverhalte erschlossen, geplant und durchgeführt werden. Operatives Denken ist eine Aktivität des Verstandes. Herkunft und Definition werden erläutert, anschließend die Grundlagen geschildert.

Im Prinzip ist Operation ein international unscharfer Begriff. In Bezug aufs Denken, hier des militärischen Führers, wird es vom Verfasser beschrieben. Entscheidungsvorbereitung, Entschluss, Plan, Befehlsgebung, Kontrolle, Bewertung, Schritte und Abfolgen des militärischen Führungsprozesses werden dargestellt. Die Bundeswehr ist eine Armee im Bündnis, das US-Militär hat die Führungsrolle. Daher zieht Lautsch die Führungsvorschriften des US-Heeres und die Heeresdienstvorschrift 100/100 zum Vergleich heran.

Im Hauptteil zerlegt er die Bestandteile der Operation in ihre Einzelteile und weist auch auf Disharmonien in den unterschiedlichen Armeen des Bündnisses hin. Er greift zurück auf eine der wenigen schriftlichen Unterlagen zum operativen Denken. Es ist die „Leitlinie für die operative Führung von Landstreitkräften in Mitteleuropa“ von Hans-Henning von Sandrat, die dieser noch als Inspekteur des Heeres im August 1987 verfasst hatte. Er war bis 1991 Oberbefehlshaber der NATO in Mitteleuropa und konnte in dieser Funktion die Unterschiede des operativen Denkens in den ihn unterstellten Großverbänden der alliierten Truppen beurteilen. Seine Forderung lautete daher: „Der Erfolg der integrierten Verteidigung erfordert daher auf den operativen Führungsebenen ein Denken und Handeln nach einheitlichen Grundsätzen.“ Hier schimmert die Sorge durch, dass es nicht einfach war, in den alliierten Stäben die verschiedene Denkschulen unter einem Hut zu bringen.

In den Buchteilen Führung der Truppen, Gefechtsarten und Verlegung wird mehr auf handwerkliche Dinge eingegangen. Schon in der Heeresdienstvorschrift 100/1 von Oktober 1962 ist in Nr. 64 festgehalten: „Truppenführung ist eine Kunst, eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende, freie, schöpferische Tätigkeit. Ihre Lehren lassen sich nicht erschöpfend darstellen, für das Schlachtfeld gibt es keine Formeln. Doch müssen klare Grundsätze jeden Truppenführer leiten“. Relativ knapp ist die Militärdoktrin der Russischen Föderation beschrieben. Hier heißt es, die Grundlage für die Erarbeitung der operativen Planungen der Vereinten Streitkräfte der Warschauer Vertrags Organisation fanden 1983, 1985 und 1988 statt. Sie waren Folge der Veränderungen der Operationspläne der NATO, der Struktur, der Bewaffnung und Ausrüstung der Allianz-Streitkräfte. Das neue strategische Konzept der NATO wird ausführlicher betrachtet. Die Mitgliedstaaten werden zukünftig mit unterschiedlichen Sicherheitsherausforderungen konfrontiert werden, darauf haben sie sich operativ einzustellen. Die Feststellung vom 6. Mai 1958 (Fußnote 339) darf angezweifelt werden. „Die Konzentration des Denkens in der Bundesswehr auf die strategische Ebene und des Heeres auf die taktische Ebene führte allmählich zum Niedergang des hiesigen operativen Denkens.“ Damals hatte das Heer gerade mal drei Divisionen.

Die insgesamt 381 Fußnoten verleiten den Leser immer wieder den Rhythmus zu unterbrechen. Ein auf die Thematik spezialisierter Lektor hätte sicher einige Textredundanzen getilgt. Ein Literaturverzeichnis zum Thema operatives Denken und Handeln fehlt in diesem Sachbuch, es wäre eine Abrundung der Arbeit gewesen. Im Prinzip kann Helge Hansen, General a.D., zugestimmt werden, der dem Band Beachtung wünscht. Dieser kann helfen eine Lücke in der Literatur zu diesem Thema zu schließen, wobei es sich nicht nur an das Militär richtet. Auch in anderen Sicherheitsorganisationen oder der Wirtschaft ist operatives Denken heute mehr denn je gefordert.

Abschließend ist anzumerken, dass der Autor Diplom-Wissenschaftler ist und Oberst der NVA war. Er absolvierte die Frunse-Akademie in Moskau. Nach Auflösung der NVA wurde er in die Bundeswehr übernommen und beendete seine Dienstzeit als Oberstleutnant. Sein erstes Buch trägt den Titel „Kriegsschauplatz Deutschland. Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA Offiziers“, es ist 2013 erschienen.

Lautsch, Siegfried, Grundzüge des operativen Denkens in der NATO. Ein zeitgeschichtlicher Rückblick auf die 1980er-Jahre und Ausblick. Überarbeitete aktualisierte und ergänzte Auflage, 232 S., Paperback, mit Organigrammen u. a. Darstellungen, 2018, Miles-Verlag Berlin, ISBN 978-3-945861-58-5, 24,80 Euro.