Buchtipp

Geisel der Moderne: Selbstmord-Attentate – eine Analyse

Eine Rezension von Heinz Neubauer

Wenn es in den westlichen Demokratien ein eher verstörendes Phänomen gibt, dann sind es die vielen Nachrichten über Selbstmord-Attentate und ihre Folgen. Wie kommen Menschen zu einem derartigen Verhalten, welches ohne Vorbereitung im Vorfeld weder vorstellbar noch durchführbar erscheint? Der Politikwissenschaftler R. Niklaus widmet sich eben diesen Fragen mit wissenschaftlicher Herangehensweise und rigoroser Klarheit. Um es vorwegzunehmen: dieses Buch eignet sich nicht als Lektüre auf einer Bahnfahrt oder vor dem Zubettgehen. Terrorismusforschung ist aber die Voraussetzung von gezieltem Handeln – eines einzelnen Bürgers und aller Sicherheitsinstitutionen – im Sinne des Vorbereitetseins, wenn es irgend geht auch der Prävention.

Nach einer methodologischen Einführung beschreibt der Autor nach einem von ihm entwickelten Raster zehn Kampagnen, also Serien von Selbstmord-Attentaten, von den japanischen Kamikaze-Piloten im zweiten Weltkrieg über die tamilischen Black Tigers bis zu den vielfältigen jihadistischen Formen, die die Welt seit den 1990er Jahren beschäftigen. Hierzu verwendet er ausschließlich offene Quellen und Veröffentlichungen, teilweise „Original-Fragmente“ aus den propagandistisch vorbereiteten Texten (und Videos), die sich in verschiedener Weise an die Weltöffentlichkeit wenden, wohl aber im Schwerpunkt nur in Staaten mit freier Meinungsäußerung zugänglich sind.

Auf dieser wertorientierten Basis nutzt er die „interpretative Analyse“ als Werkzeug, um auf der Metaebene fünf „Sequenzen“ (Phasen) jeder Selbstmord-Attentats-Kampagne abzuleiten.

Wenn sich der Leser auf die Methode der Darstellung einlässt, also das Buch abschnittsweise weiterliest, dann wird einem die intellektuelle Macht der Analyse klar, indem man in dem formulierten, ordnenden Denkrahmen als Leser selbständig anfängt, eigene Beobachtungen einzubringen und eigene Schlüsse zu ziehen. Dieser Anstoß ist ja der erste Schritt zur Erhöhung der eigenen Widerstandskraft, um eben die verstörenden Nachrichten zu verarbeiten.

Interessanterweise scheint die antreibende Kraft für einen Selbstmord-Attentäter sich nicht nur auf eine einzelne Ideologie zu beziehen, bei den Kamikaze-Piloten war es die versuchte Rettung des gottähnlichen Tenno, bei den Black Tigers eine Form des radikalen ethnisch-marxistischen Vision und bei den Jihadisten der Kampf um die radikal-islamisch geprägte Weltherrschaft.

Je nach der Zielsetzung der einzelnen Kampagne werden junge Männer, manchmal Frauen, Kinder oder auch kranke Menschen „gefunden“, ideologisch „aufgeladen“ und am Ende „freiwillig“ oder mit Zwangsandrohung gegen die eigenen Familien- oder Sippenmitglieder in den Tod „befohlen“, um hernach das Ergebnis propagandistisch „zu verherrlichen“. – Seite für Seite kann der Leser dabei eine Fülle von Ansatzpunkten identifizieren, wo und wie man eingreifen kann oder muss, um das Attentat zu erschweren oder gar zu verhindern. Viele dieser Attentatsserien haben wir als Zeitzeugen miterlebt! – In einem komplexen Ablauf braucht es dabei stets interdisziplinärer, grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Wohltuend ist am Ende aber, daß es bislang keiner Kampagne gelungen ist, eine existentielle Bedrohung für freie Gesellschaften zu verursachen. Möge die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Rechtsstaaten, Polizeien, Geheimdiensten und Wissenschaftlern auch diese Geisel, den Terrorismus besiegen.

Schließlich: auch die Feinde der Freiheit finden in den gut 300 Seiten Monographie keinerlei Hinweise für eventuelle dunkle Ideen!

René Niklaus
Selbstmord-Attentate: Die Fusion von Zerstörung und Selbstzerstörung
Studien zur Friedensforschung Band 21 – hrsg. von Horst Fischer (Ruhr -Universität Bochum / Universität Leiden), LIT-Verlag Münster – 2018 – ISBN: 978-3-643-13918-4