Nachschau – Veranstaltung am 24.01.2019

 

Organisierte Kriminalität in Deutschland – aktuelle Entwicklungen

Die italienische Mafia treibt ihr Unwesen

 
Referent:

Petra Reski

Journalistin und Schriftstellerin
 

Donnerstag, den 24. Januar 2019, 19:00 Uhr

EWE – Kundencenter Bremervörde

Marktstr. 20, – rückwärtiger Eingang –

 
 

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Bremervörder Zeitung vom 26.01.2019

Tatenlos statt kämpferisch

Vortrag der GSP: Journalistin Petra Reski sieht das deutsche Vorgehen gegen die Mafia sehr kritisch

Von Rainer Klöfkorn

Bremervörde. In Deutschland würden Politik und auch Justiz die Augen verschließen vor den Machenschaften der italienischen Mafia. Diese These stellte Petra Reski am Donnerstag im voll besetzten Veranstaltungsraum der EWE in Bremervörde auf. Die Journalistin und Schriftstellerin sprach auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Elbe-Weser, über die von der Mafia organisierte Kriminalität in Deutschland.

Mit Petra Reski konnte Sektionsleiter Werner Hinrichs eine ausgesprochene Expertin zu dem Thema begrüßen. In Zeitungsbeiträgen sowie in Sachbüchern und Romanen befasst sich die Wahl- Italienerin seit Jahren mit der Mafia und beschreibt auch das Wirken der Organisation in Deutschland. Im Gefolge der so genannten Gastarbeiter in den 1960er Jahren habe sich die Mafia in Deutschland ausgebreitet. Einen Aufschwung erlebte sie nach dem Fall der Mauer vor allem in ostdeutschen Städten wie Erfurt, Leipzig und Dresden. In Deutschland sei vor allem die kalabrische Mafia stark vertreten. Für ihre kriminellen Geschäfte, vor allem Geldwäsche, nutze die Organisation in erster Linie Gesetzeslücken aus. Der Gewinn aus Rauschgiftgeschäften wandere in Immobilienkäufe oder beispielsweise auch in Investitionen in die Windenergie. In Deutschland stehe vor allem die Politik dieser Entwicklung nahezu tatenlos gegenüber. „Ich habe mir den Mund fusselig geredet, aber es geschieht ja nichts“, beklagte die Journalistin. Nach wie vor sei, im Gegensatz zu Italien, die Mafiazugehörigkeit nicht strafbar. Reski: „Wenn sie endlich bestraft werden könnte, wäre das für Deutschland ein Fortschritt.“ Die Abhörung verdächtiger Personen sei in Deutschland aufgrund politischer Bedenken quasi unmöglich, in Italien hingegen eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen die Mafia. Die Journalistin: „In Italien wird über die Angst der Deutschen vorm ,großen Lauschangriff‘ gelacht“. Der Polizei mache sie keine Vorwürfe, es fehlten die notwendigen Gesetze und die Unterstützung der Politik.

Dass die deutschen Behörden dazu übergingen, wie gerade in jüngerer Vergangenheit geschehen, bei einem groben Missverhältnis zwischen Einkommen und Lebensstil Ermittlungen einzuleiten, sei ein wichtiger, aber auch nur kleiner erster Schritt. „In Deutschland wird zu Unrecht so getan, als wäre die Beweislastumkehr schon das ,goldene Kalb‘“, so Reski. Die Mafia habe ein subtiles Gespür für die Schwächen einer Gesellschaft und nutze sie konsequent aus: „Sie ist uns immer ein Stück voraus“. Neben einer unzureichenden Gesetzgebung erleichterten ihnen inkonsequente Politiker („Die nehmen das Wort Mafia gar nicht mehr in den Mund“) die Arbeit. Vor allem nach den Anschlägen in New York 2001 sei der Kampf gegen die organisierte Kriminalität stark zu Gunsten der Abwehr des islamistischen Terrors zurückgegangen: „Damit begann praktisch der Niedergang.“ Anders die Situation in Italien: Vor allem seit den Morden an zwei Staatsanwälten 1992 gehe man dort mit „härteren Bandagen“ (Reski) gegen die Mafia vor. Die beiden Attentate seien ein Wendepunkt in der Bekämpfung der Organisation gewesen. In dieser Beziehung könne Deutschland von Italien nur lernen. Sie selbst habe sich schon früh, inspiriert von dem Film „Der Pate“, für Italien und die Mafia interessiert und schon als junge Frau den Ort Corleone besucht. Um festzustellen, dass ihre Vorstellungen nicht mit der Realität übereinstimmten. 1989 verfasste Petra Reski ihre erste Reportage über die Mafia mit dem Titel „Frühling von Palermo“, sprach dafür mit Mafiosi, deren Frauen und abtrünnigen Mitgliedern der Organisation. Sie schilderte darin die Aufbruchstimmung im Kampf gegen die Mafia in Italien: „Man hatte das Gefühl, es passiert endlich was.“

Ihre Recherchen über die Mafia in Deutschland veröffentlichte sie 2008 erstmals in dem Buch „Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern“. Sie sei daraufhin in das Visier der Organisation geraten, gegen Aussagen in ihrem Buch sei auf Unterlassung geklagt worden. Sogar im Erfurter Gericht habe man ihr zu erkennen gegeben, dass ihre Recherchen nicht gewünscht seien. Der Satz „Ich bewundere Ihren Mut“, der gefallen sei, sei eine unverhohlene Warnung gewesen. Das habe ihr zwar zu denken gegeben, doch letztendlich nur motiviert, weiter an dem Thema Mafia zu arbeiten und darüber zu schreiben. „Das möchte ich ihnen nicht durchgehen lassen“, beendete sie ihren Vortrag. Gestern Vormittag sprach die Journalistin zum gleichen Thema vor Schülern der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Bremervörde.

 

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Bremervörder Anzeiger vom 27.01.2019

„Die Einzigen, die schlafen, sind die Deutschen“

Journalistin Petra Reski referierte über die Mafi a in Deutschland

Von Ulrich Evers

Bremervörde. Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik eröffnete ihre jährliche Vortragsreihe mit der Journalistin und Autorin Petra Reski. In Kooperation mit der VHS Zeven und der Buchhandlung Morgenstern hatte man sie für einen Vortrag im EWE-Center gewinnen können. Ihr Thema war brisant: Die in Venedig lebende Schriftstellerin sprach über die Mafia in Deutschland und vor allem auch darüber, warum sie hier so leicht agieren kann.

1989 kam sie erstmals als Journalistin nach Italien, um über die Machenschaften der Mafia zu berichten. „Damals, im sogenannten Frühling von Palermo, herrschte in Italien so etwas wie Aufbruchsstimmung“, begann sie ihren Vortrag und berichtete über die Hoffnung, die Mafia wirklich bekämpfen zu können. Doch die Hoffnungsträger dieses Kampfes in Justiz und Politik fielen nur wenige Jahre später Attentaten der organisierten Kriminalität zum Opfer. „Die wurden von der Mafia ausgeführt. Aber die Auftraggeber waren andere. Das war ein Wendepunkt in Italien und ist bis heute nicht gesellschaftlich oder politisch verarbeitet worden“, so Petra Reski. In der damaligen Zeit schon sei es ihr gelungen, vielfältige Kontakte zu knüpfen. Sie führte viele Interviews mit abtrünnigen Mafia- Angehörigen und deren Frauen und geriet damit auch erstmals selber ins Visier des organisierten Verbrechens. „1992 erfuhr ich von einer deutschen Spur, denn die Todesdrohungen gegen die Mafiabekämpfer kamen aus Wuppertal“. Das Bundeskriminalamt ermittelte gegen einen Mörder aus dem Rheintal. Damals schon äußerte sich der BKA-Chef sehr zweifelnd über die deutsche Entschlusskraft, die Mafia zu bekämpfen. Petra Reski schrieb in den Folgejahren in allen Facetten über die Mafia. „Bis ich auf die Idee kam, über die Mafia in Deutschland zu schreiben.“ Inzwischen wurden selbst Verbindungen zwischen der Mafia und der Politik laut eines BKA-Berichtes aufgedeckt. „In Deutschland dachte man immer, so etwas gibt es hier nicht.“

Sehr schnell habe sie aber zu spüren bekommen, wie es ist, wenn man die Geschäfte der Mafia stört. Nach einer weiteren Buchveröffentlichung wurde sie massiv bedroht. Bei einer Lesung in Erfurt schickte man ihr gar eine Gerichtsvollzieherin auf den Hals, die mit einer einstweiligen Verfügung gegen die Autorin vorging. Es folgten diverse Klagen gegen das Buch und vor Gericht subtile Drohungen – sogar während der laufenden Verhandlung. „Ich dachte immer, dass so etwas in Deutschland nicht möglich sei“, so Reski nüchtern. Doch sie wurde eines Besseren belehrt. So durfte ihr 2008 erschienenes Buch „Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priester“ auf Geheiß deutscher Gerichte nur mit geschwärzten Seiten auf den Markt kommen. „Das alles hat mir zu denken gegeben und dazu geführt, dass ich der Sache nicht weiter nachgegangen bin.“ Seitdem hat Petra Reski drei Romane geschrieben.

Ein italienischer Staatsanwalt äußerte sich in diesem Zusammenhang dahin gehend, dass Deutschland mit seiner laschen Gesetzeslage und Justiz förmlich Einladungsschreiben an die Mafia geschickt habe. Kam das organisierte Verbrechen in den 60er Jahren infolge der damaligen italienischen Gastarbeiter nach Deutschland, so machte sie sich nach der Maueröffnung auch schnell im Osten breit. Mit dem massenhaften Aufkauf von Immobilien wurden und werden nach wie vor Gelder aus dem Kokainhandel in Milliardenhöhe gewaschen, und der politische Einfluss des organisierten Verbrechens wächst weiter. In Deutschland seien laut der Journalistin mehr als 100 Milliarden Euro gewaschen worden. Damit stehe das Land im internationalen Vergleich noch weit schlechter da, als Panama. Enorme bürokratische Prozeduren machen ein Abhören der Mafiaangehörigen heute kaum mehr möglich, und auch die Medien trauen sich nicht an das Thema heran. „Man kann jeden Journalisten heute in Grund und Boden klagen.“ Wenn es heute mal in den Medien heiße, dass der Polizei ein Schlag gegen die Mafia gelungen sei, dann sei das nach Worte Petra Reskis ziemlich naiv. „In Deutschland schläft die Mafia nicht. Die Einzigen, die schlafen, sind die Deutschen.“ Wenn es zu Verhaftungen von Mitgliedern des organisierten Verbrechens käme, dann bisher Haftbefehle, nie aber aufgrund rein deutscher. Heute bestehe die Königsdisziplin der Mafia vor allem darin, öffentliche Gelder in die eigenen Taschen umzuleiten. Sie sitzen bis hinein in die Banken und üben politische Einflussnahme aus. „Wünschenswert wäre dagegen eine europäische Gesetzgebung. Allein die Zugehörigkeit zur Mafia zu einem Delikt zu erklären, wäre schon ein großer Fortschritt.“ Große Hoffnungen auf eine wirkliche und nachhaltige Bekämpfung der Strukturen des organisierten Verbrechens in Deutschland konnte die Journalistin ihren Zuhörern nicht machen.

 

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Bericht

Mafia: Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern

Die italienische Mafia in Deutschland

Von Axel Loos

Auf Einladung der Sektion Elbe-Weser berichtete die deutsche Journalistin Petra Reski im voll besetzten EWE-Kundenzentrum in Bremervörde über ihre Erkenntnisse über die italienische Mafia sowohl in deren Heimatland als auch in Deutschland. Dabei stellte sie deutliche Unterschiede im staatlichen Umgang mit dieser Form des organisierten Verbrechens heraus.

Petra Reski machte ihre ersten Erfahrungen mit dem Phänomen „Mafia“ Ende der siebziger Jahre auf ihrer ersten Reise nach Sizilien, die sie jedoch als eher desillusionierend empfand. Wie viele andere auch, hatte sie ein eher folkloristisches Bild der Mafia im Kopf, nicht zuletzt beeinflusst von dem Film „Der Pate“. Das änderte sich jedoch schnell, als sie als junge Journalistin den Auftrag erhielt, von dem großen Mafia-Prozess, dem sogenannten „Maxiprocesso“, aus Palermo zu berichten, die von den 1992 ermordeten Staatsanwälten Giovanni Falcone und Paolo Borselino geführt wurden. Was sie in zahlreichen Gesprächen mit großen und kleinen Protagonisten, Ehefrauen, Kronzeugen, Staatsanwälten und Politikern zutage führte war erstaunlich. Bis dato schien die Mafia ein rein italienisches Problem zu sein und Deutschland weit weg. Petra Reski aber erfuhr, dass die Todesdrohung an Falcone aus Wuppertal kam und Borselino sein letztes Telefonat mit dem deutschen BKA führte. Plötzlich war das organisierte Verbrechen in Deutschland angekommen und hatte sich, von den Strafverfolgungsbehörden unbemerkt, bereits etabliert. Noch heute macht die Journalistin sowohl Politikern als auch der Justiz den Vorwurf der Naivität und – noch schlimmer – der Tatenlosigkeit. Sie könne sich „den Mund fusselig reden“, aber passieren tut so gut wie nichts. Erst mit dem Massaker von Duisburg 2007, bei dem sechs Italiener ermordet wurden, rückte die verbrecherische Dimension in das Bewußtsein der Öffentlichkeit, doch „die Deutschen schlafen weiter“, so Reski. Als einen kleinen Erfolg wertet sie die Beweislastumkehr, wenn Lebensstil und angebliche Einkommensverhältnisse offensichtlich weit auseinanderklaffen. Nun muss der Betroffene den Nachweis führen, dass das Vermögen aus legalen Geschäften stammt, was den Strafverfolgungsbehörden mehr Möglichkeiten der Intervention einräumt. Trotzdem hinkt der deutsche Staat Italien bei der Bekämpfung der Mafia weit hinterher. „Die Deutschen schicken Einladungsschreiben an das organisierte Verbrechen“ lautet die Einschätzung in Süd-Europa. In der Zwischenzeit gelingt es der Mafia, ihr Geschäftsmodell von Italien nach Deutschland zu übertragen.

Foto: Werner Hinrichs

Wie konnte es so weit kommen? Ihren Ursprung hat die Mafia im feudal strukturierten Sizilien, wo die Großgrundbesitzer das Leben der Menschen bestimmten und auch Recht sprachen. Über Jahrhunderte etablierte sich damit ein Autoritätssystem, das mit der fortschreitenden staatlichen Entwicklung aber nie verschwand, sondern in den Untergrund abtauchte und neue Einkommensquellen fand. „Die Mafia arbeitet nicht gegen den Staat, sondern mit ihm“ erklärt Reski die großen Probleme bei deren Bekämpfung und nennt Beispiele in Italien und in Deutschland. Dabei gehen Cosa Nostra, Comorra und die ‚Ndrangheta äußerst geschickt und subtil vor. Die Mafia habe ein sehr gutes Gespür für die Schwächen von Personen und ganzen Gesellschaften. Diese nutze sie einerseits, um ihre Mitglieder an sich zu binden, andererseits, um sich ihre Opfer gefügig zu machen. So konnte ein komplexes Führungssystem entstehen, das bewusst mit italienischen Werten wie Familiensinn und Loyalität spiele, vor dessen Hintergrund schwer zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden ist. Die Rolle der Frau, beispielsweise, sei allemal zwiespältig, erklärte Reski. Auf der anderen Seite biete die Mafia durchaus Aufstiegsmöglichkeiten von den eher der Kleinkriminalität zuzuordnenden Aktivitäten über die „marktwirtschaftliche Mafia“, die sich mit unsauberen Methoden staatliche Aufträge sichert, bis hin zur Elite mit Zugang zur Politik in Rom und hochrangigen Wirtschaftsvertretern.

Diese Methode exportierte die Mafia schließlich im Fahrwasser des Wiederaufbaus in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, als Deutschland die sogenannten Gastarbeiter ins Land holte. Auf der „pista tedesca“, der deutschen Fahrbahn, rollte man an, um hier das Spiel zu wiederholen, von dem die Deutschen allerdings kaum eine Vorstellung hatten. Am erfolgreichsten war dabei die kalabresische ‚Ndrangheta, die in sich organisatorische Vorteile aufweise, die es ihr erlaubten, früher als ihre Konkurrenten Strukturen aufzubauen.Mit der Wiedervereinigung nahm das ganze dann noch einmal Fahrt auf. Mittlerweile nimmt die Hauptaktivität, nämlich die Geldwäsche, eine gigantische Größenordnung an. Petra Reski beziffert sie mit 100 Milliarden Euro. „Damit liegt Deutschland weltweit auf Platz acht, noch vor Panama!“ macht die Journalistin in Anspielung auf die Panama-Papers das Ausmaß deutlich.
Dass sich jemand, der die Dinge und Personen beim Namen nennt, keine Freunde macht, musste leider auch Petra Reski erfahren. Zahlreiche Unterlassungsklagen zeugen davon. Und dass sie selbst bei diesen Zivilprozessen Polizeischutz brauchte, spricht für sich. Wenn dann noch eine Richterin einen der Geldwäsche beschuldigten Italiener blauäugig frage, ober er denn nun zur Mafia gehöre oder nicht, wird deutlich, wie viel Arbeit noch zu leisten ist. In Italien ist man da schon weiter, dort ist die Mitgliedschaft in der Mafia ein Straftatbestand, der in seiner Strenge und Konsequenz nicht mit dem deutschen Pendant zu vergleichen ist. Trotzdem konnte sich selbst in Italien, vor allem unter Berlusconi, die Mafia weiterentwickeln.
Und was macht Deutschland? Hier kommt die Weltpolitik ins Spiel. Im Zuge des 11. September 2001 räumte man der Terrorbekämpfung Priorität ein. Die Übertragung der Ermittlungen zur organisierten Kriminalität vom BKA auf den Zoll sei dabei angesichts der damit aufgegebenen Kapazitäten nicht hilfreich, sagt Reski ein wenig resigniert. Ob sie Angst habe, weiter aufzuklären? Nein, dazu sei sie zu renitent.

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