Nachschau – Veranstaltung am 01.08.2018

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema
 

 
Referent:

Oberst Ulrich Ott

Kommandeur Internationales Hubschrauberausbildungszentrum
und General der Heeresfliegertruppe, Bückeburg
 

am Mittwoch, 01. August 2018, 19:00 Uhr
im Vortragssaal ‚Bückeburg‘

Internationales Hubschrauber-Ausbildungszentrum (IHAZ)

Schäferkaserne
Achumer Straße 1, 31675 Bückeburg

 

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vom 08.08.2018

Heeresflieger eher im Aufwind

Neuer Kommandeur des Internationalen Ausbildungszentrums zu Neuerungen und Änderungen

Von Raimund Cremers
Nicht nur in Sachen Ausbau der Infrastruktur wird das Internationale Hubschrauberzentrum in den kommenden Jahren einige Veränderungen erfahren, sondern auch die Inhalte wie neue Ausbildungshubschrauber ab 2021, die weitere Aufstockung der Ausbildungswerkstatt oder aber die Verbesserung von Kommandostrukturen stehen auf der Tagesordnung. – Foto: Bw-IntHubschrAusbZ/Bozic

BÜCKEBURG. „Die Heeresflieger haben in den vergangenen Jahren ein bemerkenswertes Auf und Ab erlebt, sie haben viel Kummer ertragen müssen und viel Kummer gemacht.“ So hat der Leiter der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Klaus Suchland, ein Impulsreferat des neuen Kommandeurs des Internationalen Hubschrauberausbildungszentrums (IHTC) und Generals der Heeresflieger, Oberst Ulrich Ott, eröffnet.

Gut 100 Zuhörer nahmen von diesem Abend mit, dass sich die Truppengattung derzeit eher in einem Auf bewegt, auch wenn in vielen Bereichen noch einiges in der Talsohle verharrt. Denn wie im Vortrag des Kommandeurs deutlich wurde, ist das Verteidigungsministerium angesichts der weltweit steigenden Bedrohungslagen dabei, Entscheidung der 2011 getroffenen Bundeswehrstrukturreform zurückzunehmen, zumindest aber wieder umzukrempeln. Seinerzeit war die Heeresfliegertruppe von 10.000 auf 3000 Soldaten reduziert worden, ganze Regimenter samt der dazugehörigen Standorte aufgelöst und geschlossen worden. Im Rahmen des Fähigkeitstransfers musste der schwere Transporthubschrauber CH-53 samt der Besatzungen und der Technik – quasi das Herz der Heeresflieger – an die Luftwaffe übergeben werden. Insgesamt wertete Suchland, aber auch Fragesteller zum Schluss: „Ein ermutigender und positiver Vortrag, ganz im Gegensatz zu Kommandeuren vorher, die sich deutlich pessimistischer geäußert hatten.“

Worauf begründet sich der Optimismus? Ein Überblick:

Der Fähigkeitstransfer: Bei einem Besuch des Hubschraubergeschwaders 64 in Schönwalde/Holzdorf hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Rahmen eines Fünf-Punkte-Programms für den CH-53 verkündet, dass sie die Inspekteure von Heer und Luftwaffe angewiesen hat, ein gemeinsames Nutzungskonzept zu entwickeln, um den Einsatz der insgesamt 70 Transporthubschrauber CH-53 zu planen. Wie Oberst Ulrich Ott zu der Frage, mit dem Fähigkeitstransfer seien „Weichen zulasten des Heeres gestellt worden“, sagte, müsse geklärt werden, welche Aufgaben Hubschrauber haben. Für ihn ist klar: „Unterstützung von Landstreitkräften.“ Und das gehöre zusammengeführt. Zuvor hatte Ott gesagt, dass Luftwaffe und Heer enger zusammenarbeiten müssen. Und versicherte – unter Beifall: „Ich lasse mich nicht von der Luftwaffe einsaugen.“

Ähnlich kämpferisch gab sich der Kommandeur, als er auf die Dreiteilung einging, unter der die Heeresflieger und insbesondere der General der Heeresflieger seit der Bundeswehrreform zu leiden hätten. Die drei verbliebenen Heeresflieger-Regimenter – „der Nukleus der Heeresflieger“ – unterstehen der Division Schnelle Kräfte. Der Bereich Entwicklung, von denen Teile früher im IHTC angesiedelt waren, sitze jetzt im Köln. Das IHTC unterstehe dem Ausbildungskommando. Ihm stehe noch zu, die Tradition der Truppengattung zu pflegen und zu repräsentieren, sagte Ott. In dieser Struktur werde parallel nebeneinander gearbeitet, einiges laufe nicht und müsse zusammengefügt werden. Ott mit deutlichen Worten: „Es steht nicht in unserem Interesse. Ich will und wir müssen die drei Säulen zusammenlegen.“ Derzeit werde über ein „Kommando Hubschrauber“ diskutiert, das sich in der Planungsphase befindet und noch ins Ministerium hineingetragen werden müsse. Unter den jetzigen Bedingungen sei kein flexibles Reagieren möglich: „Wir müssen die Heeresfliegertruppe wieder nach vorne bringen.“

Zur Flotte der drei Hubschrauber-Ausbildungsmodelle am IHTC stellte der Kommandeur fest, dass dies genau der richtige Weg sei. Es gehe nicht um Einsätze, sondern „um möglichst gute Ausbildung“. Dafür seien Flugstunden erforderlich, die durch das Leasen von Bell 206 und EC-135 T 3 sowie der bereits vor 15 Jahren gekauften EC-135 sowie von Wartungs- und Instandsetzungsverträgen mit privaten Firmen gewährleistet seien. Mit den Anfang des Jahres geleasten Flugstunden könnten junge Piloten, die auf ihre Ausbildung auf den Einsatzmustern warten, professionalisiert werden. Die „negativen Effekte“ bei Tiger und NH 90 in Fragen von Zuverlässigkeit oder Ersatzteile seien zwar „deutlich verbessert“, aber noch nicht überwunden.

Ab dem Jahr 2021 mit dem Auslaufen der Leasing- und Wartungsverträge wird das IHTC in einen kompletten Austausch der Schulungshubschrauber einsteigen. Ziel sei, Hubschrauber zu beschaffen, die auch in den Regimentern als Leichte Hubschrauber für diverse Aufgaben eingesetzt werden können. Der Kommandeur: „Und das Entscheidende ist, dass die Hubschrauber untereinander für verschiedene Aufgaben – auch Einsätze – ausgetauscht werden.“ Der Staatssekretär habe die Beschaffung bereits anerkannt, auch Luftwaffe und Marine seien an Bord. Die geplante Zeitachse: drei Jahre.

Zu den Einsatzhubschraubern „Tiger“ und NH 90, die in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen beherrscht hatten, sagte Ott, dass der letzte von insgesamt 52 Tigern vorvergangene Woche an die Bundeswehr übergeben worden ist. Nun gehe es darum, den Kampfhubschrauber für die nächsten 20 Jahre weiterzuentwickeln, auch wenn die Bänder geschlossen sind.

Der letzte von insgesamt 73 NH 90 soll bis 2020 an die Heeresflieger ausgeliefert werden. Der Ist-Bestand in Achum beträgt derzeit acht Exemplare, das Soll liegt bei neun. Derzeit werden Perspektiven für die kommenden 30 Jahre entwickelt, wenn die jetzt eingeführten Hubschrauber veraltet sind. Das Stichwort des Kommandeurs: „Unmanned flying.“

Zu den Entwicklungen am IHTC mahnte Ott an, dass das Zentrum mit seinem simulatorgestützten Ausbildungskonzept „noch“ eines der modernsten der Welt ist. Andere Nationen, insbesondere die Briten, würden sich aber sehr schnell weiterentwickeln. Ott: „Wir müssen am Ball bleiben.“

Ein Ball hat das Zentrum erfüllt: Seit einigen Wochen ist es nach DEMAR 147 zertifiziert. Wer hier als Techniker ausgebildet wird, ist europaweit anerkannt: „Er kann überall arbeiten in Europa.“ Die Zertifizierung für den „Tiger“ wird Ende des Jahres vorliegen. Die Zertifizierung des Flugbetriebs ist als nächster Schritt in Planung, wird aber noch einige Jahre in Anspruch nehmen.

Die Kapazitäten der Ausbildungswerkstatt für Fluggeräte-Mechaniker und -Elektroniker – derzeit 160 Plätze –, wird noch einmal aufgestockt. Ott: „Wir hoffen, dass wir aus diesem Pool auch Nachwuchs für die Bundeswehr bekommen können.“ Bewerbermangel gibt es keinen: „Wir können aussuchen.“

Das IHTC ist vom Ministerium auserkoren worden, in einen „multinationalen Cluster“ zu gehen. Die Bestätigung steht noch aus. Dieses Modell sieht vor, dass das IHTC nicht mehr nur Lehrgänge für die Hubschrauberausbildung – wie derzeit für Schweden oder die Niederlande anbietet –, sondern multinationale Ausbildung auch in die Stabsarbeit integriert wird. Damit würden verteidigungspolitische Strukturen gestärkt, sagte Ott. Wenn diese Form der Ausbildung ernst genommen wird, brauche das IHTC einen „atmenden Körper“, müsse sich flexibel aufstellen und aufstellen können. So würden bereits heute zwei Module Hubschraubergrundausbildung angeboten, buchbar seien zusätzliche Module wie Nachtflug oder Instrumentenflug: „Die kann jede Nation individuell dazunehmen.“ Die ständige Entwicklung werde auch daran deutlich, dass die Ausbildung auf dem Einsatzmuster NH 90 am Anfang 18 Monate gedauert hat, so Ott: „Heute sind wir bei sieben Monaten.“

 
Titel: pixabay, CC0
Foto: Ulrich Ott – PIZ/Heer
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