Nachschau – Veranstaltung am 15.10.2018

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Russland, Iran und Türkei –

Allianz der Geächteten

 
Referent:

Matthias Hofmann M.A.

Historiker und Orientalist
 

am Montag, 15. Oktober 2018, 19:00 Uhr

(Einlass ab 18:30 Uhr)
in der Nibelungen-Kaserne
Dr.-August-Stumpf-Str. 33, 74731 Walldürn

 

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Bericht der Pressestelle des LogBtl 461

Erkenntnisreicher Perspektivwechsel beim politischen Abend in Walldürn

Von Marlen Liebelt

Am 15. Oktober 2018 beleuchtete Matthias Hofmann, Historiker und Analyst für den orientalischen Raum in fundierter aber auch provokanter Art die Rollen, Interessen und Beziehungen zwischen Russland, dem Iran und der Türkei. In seinem Vortrag zum Thema „Russland, Iran und Türkei. Allianz der Geächteten?“ forderte der im Iran geborene Reserveoffizier der Bundeswehr das Publikum wiederholt dazu auf, die Perspektive zu wechseln und die Welt aus Sicht der Protagonisten zu betrachten.

Wirtschaftliche Verknüpfung als „Friedensstifter“
Der Saal in der Nibelungenheimgesellschaft in Walldürn war bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den Anwesenden waren auch Schüler der zwölften Klasse des Burghardt-Gymnasiums aus Buchen. Nach einer kurzen Begrüßung im Namen der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V., Sektion Taubertal, und des Logistikbataillons 461 durch den Standortältesten, Herrn Oberstleutnant Christoph Werle, galt dem Referenten bereits durch seine Einstiegsfrage „Haben wir irgendetwas aus der Geschichte gelernt?“ die volle Aufmerksamkeit des Plenums.

Matthias Hofmann verdeutlichte immer wieder die besondere Gefahr der einseitigen Betrachtung weltpolitischer Entwicklungen aus der Sicht des Westens, da man dadurch die wahre Motivation der Hauptakteure verkenne.

Hofmann präsentierte den Zuhörern prägnante Portfolios von Russland, dem Iran und der Türkei. Fokussiert auf die außenpolitischen und wirtschaftlichen Interessen der genannten Staaten wurde der Vortragende nicht müde, die in aktuellen Medienberichten beleuchteten Geschehnisse mit der Geschichte, der Kultur und den Biografien einzelner Persönlichkeiten der Länder in Verbindung zu setzen. Dabei standen die aus westlicher Sicht völkerrechtswidrigen, undemokratischen und menschenrechtsverletzenden Aktivitäten im Vordergrund.

Die Annexion der Krim führe beispielsweise zu einer drastischen Verschlechterung der Beziehungen zu Russland. Die „Dicke-Backen-Politik“ seitens Europa wäre eine unzweckmäßige Reaktion auf die vergangenen Ereignisse im Mittleren und Nahen Osten. Die Verfolgung gemeinsamer wirtschaftlicher Zielsetzungen sei hingegen der gangbare Weg zum Friedenserhalt.

Lebhaft erörterte Matthias Hofmann die Zusammenhänge und Konsequenzen von politisch-brisanten Geschehen wie dem Atomdeal zwischen Amerika und Russland, die Auswirkungen des Wirtschaftsembargos auf die Stabilität des Irans, der Syrienkonflikt und die Kurdenfrage sowie die Aufstände in Venezuela als Kettenreaktion von Saudi-Arabiens Ölpreispolitik.

Kritisch und provokant machte Hofmann deutlich, weshalb aus seiner Sicht der amerikanische Präsident aufgrund seiner Unberechenbarkeit im Vergleich zum russischen Staatsoberhaupt die größere Gefahr für den Weltfrieden darstelle.

Russland habe sich als „Key-Player“ dieser neuen Allianz mit dem Iran und der Türkei herauskristallisiert und gewinne zunehmend Einfluss in der Welt, besonders in Nahost, wo sich die USA weitestgehend zurückgezogen hat.

„Wegen der Religion hat man sich schon gerne mal die Schädel eingeschlagen und das tut man auch heute noch“, stellte der Vortragende in seinen Ausführungen zu den Glaubenskonflikten zwischen Sunniten und Schiiten fest. Die Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien lägen in den unterschiedlichen Glaubensrichtungen begründet.

Die Türkei strebe weiterhin die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an, dies mache sich in der expansiven Außenpolitik bemerkbar. Flüchtlingsströme seien eine zusätzliche Belastung für den türkischen Staat, ergänzte Matthias Hofmann.

Appell an die Zuhörerschaft
Der Referent ermahnte das Publikum bei seinen abschließenden Worten, die Nachrichten in den Medien kritisch zu hinterfragen und nicht nur westliche Berichte zu konsumieren. „Lügenpresse“ sei für ihn ein unangemessenes Vorurteil gegenüber der hiesigen Medienwelt, er selbst halte „Lückenpresse“ für zutreffend. Dabei läge es an jedem selbst, die täglich im Überfluss verbreiteten Informationen zu ergründen.

Europa darf den Mittleren und Nahen Osten nicht unterschätzen, denn für erfolgreiche Verhandlungen und stichhaltige Analysen müsse man sein Gegenüber einschätzen können.

„Wen interessieren Menschenrechte?“
Bei der anschließenden Fragerunde wurde das rege Interesse im Plenum deutlich. Die Gäste konfrontierten den Redner mit komplexen Thesen und vielschichtigen Problemstellungen. Bei der Thematik der Menschenrechtsverletzungen in den betreffenden Staaten provozierte Matthias Hofmann die Anwesenden erneut und zwang jeden Gast die Grenzen der westlichen Denkweise zu überwinden.

„Menschenrechtsverletzungen werden aus der Schublade geholt, wenn diese der Politik nutzen“, so Hofmann. So kümmere es den Europäer nicht, dass die Verfassung Saudi-Arabiens die UN-Charta nicht anerkennt, obwohl Saudi-Arabien ein Mitglied des UN-Menschenrechtsrates sei.

Matthias Hofmann verstand es, der westlichen Welt den „Spiegel vorzuhalten“. Er lieferte gute Gründe, die eigene Komfortzone zu verlassen und Vorurteile zu überdenken, um die Aktionen der anderen Seite nicht von Beginn an falsch zu bewerten.

Nach einem tosenden Applaus und den Dankesworten von Oberstleutnant Werle an den Vortragenden klang der Abend bei angeregten Gesprächen aus.

 
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