Nachschau - Veranstaltung am 27.11.2017

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Stabilität der globalen Finanzmärkte
angesichts des weltweiten Schuldenanstiegs

Referent:

Folker Hellmeyer

Chefanalyst der Bremer Landesbank
Foto: Aranka Szabó
 

am Montag, 27. November 2017, 19:30 Uhr

im Kulturzentrum PFL, Vortragssaal
Peterstr. 6, 26211 Oldenburg

 

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Bericht der Sektion Oldenburg

„Europa hat bei kluger Nutzung enormes wirtschaftliches Potential“

Chefanalyst der Bremer Landesbank Folker Hellmeyer zu Gast bei der GSP in Oldenburg

Von Ralph Schmuhl
v.li.: Ralph M. Schmuhl (GSP OL), Folker Hellmeyer und Dr. Stefan Gehrold (KAS OL). - Foto: GSP Oldenburg

In der letzten Veranstaltung 2017 begrüßte die Sektion Oldenburg Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt und Chefanalyst der Bremer Landesbank als Referent. Kompetent und meinungsstark, wie man ihn aus den Medien kennt, und nicht immer dem Mainstream entsprechend, brannte er ein rhetorisches Feuerwerk ab und schaffte es, die 140 Besucher in seinen Bann zu ziehen.

Thema des Abends: „Die Stabilität der globalen Finanzmärkte angesichts des weltweiten Schuldenanstiegs“ wurde in der Anmoderation wie folgt begründet: „Ohne sicher funktionierende Finanzmärkte keine funktionierende Wirtschaft und ohne diese keine dauerhaft stabile politische Gesellschaft“.

In einem wirtschaftlichen Parforceritt entfaltete Folker Hellmeyer seine Gedanken zu den wichtigsten Akteuren und Ereignissen der Weltwirtschaft, hier nachfolgend nur einige exemplarisch aufgelistet.

China:

Reich der Mitte betreibt mit seiner „One Belt, One Road“ - Strategie nicht nur Wirtschafts- sondern gleichzeitig Geopolitik, die in ihren langfristigen Auswirkungen gar nicht überschätzt werden kann und besetzt jede Lücke, die die USA hinterlassen. Hinsichtlich der Verschiebung von Machtachsen (China, Russland, Iran) stellte der Referent die Frage: „Wie viel wollen wir noch hinnehmen?“

Wirtschaftssanktionen:

Die neuen US-Sanktionen gegen Russland sieht er als Teil eines Wirtschaftskriegs gegen Europa. Der Grund für diese Auseinandersetzung ist die wirtschaftliche Schwäche der USA. Nach Ausbruch des Konfliktes zwischen Russland und der Ukraine sowie der Besetzung der Krim initiierten primär die USA Wirtschaftssanktionen gegenüber Russland. Die Kosten zahlen die Westeuropäer denn die USA sind von den Auswirkungen wirtschaftlich so gut wie nicht tangiert. Die Masse des wirtschaftlichen Schadens der europäischen Wirtschaft aber trägt Deutschland mit >60 %. Eine zügige Normalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland liegt in deutschem Interesse.

Brexit:

Der Brexit ist gut für Europa! Von seinem Selbstverständnis her ist Großbritannien (GB) nicht kompatibel mit einem politisch gestärkten Europa. GB war seit 1984 der große Bremser der europäischen Entwicklung und forderte immer Extrarechte auf Kosten anderer Unionsmitglieder. GB wird durch den Austritt einen ökonomischen Potential- und damit einen Bedeutungsverlust erleiden. Europa ist stark und wird ohne den Bremser GB noch erfolgreicher sein, da nach GB verlagerte Produktionsanteile nach Europa zurückkommen.

EU:

Die Europäische Union ist in seinen Augen politisch ein Eunuch, wirtschaftlich stark. Weltweit gibt es 2.700 „Hidden Champions“, davon > 60% im kleinen Europa, das lediglich 4,6% der Weltbevölkerung umfasst. Dies zeigt welches wirtschaftliche Potential hier bei kluger Nutzung liegt. Um weiter voran zu kommen brauchen wir aber ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Die €-Zone ist die wirtschaftliche Überraschung des Jahres – aber wo liest/hört man das in den Medien? Europa ist nicht perfekt, wenn wir es aufbrechen wird es aber allen Mitgliedern viel schlechter gehen.

140 Gäste verfolgten den erkenntnisreichen Vortrag. - Foto: GSP Oldenburg

EU – Osteuropa:

Die Aufnahme von 12 neuen Mitgliedern in die EU ist rückblickend sehr kritisch zu sehen. Lediglich eines von diesen Neumitgliedern erfüllte zum Beitrittszeitpunkt tatsächlich die wirtschaftlichen und politischen Beitrittsbedingungen. Die Folgen schwächen die EU politisch und wirtschaftlich.

Deutschland:

Die großen deutschen Firmen sind keine deutschen Firmen. Dies bezieht sich auf die Eigentumsverhältnisse und ihr Arbeitsfeld ist die Welt. Wenn Deutschland sein Wirtschaftssystem (Export basiert) erhalten will, benötigen wir dringend Abkommen mit den aufstrebenden Ländern. Diese Länder schaffen derzeit das größte Wirtschaftswachstum seit 5.000 Jahren. Kein Land profitiert mehr von Europa als Deutschland. Wenn die EU auseinanderbricht ist das deutsche Geschäftsmodell passé.

Von der Griechenland-Krise profitiert Deutschland massiv: Bei 2 Billionen Euro Schulden sparen wir gegenüben dem langjährig üblichen Zinsniveau von 3,8% bei heute 0,8% jährlich 60 Mrd. Euro.

Demokratie-Export:

Den Versuch des Westens, unser Demokratieverständnis exportieren zu wollen, bezeichnet er als arrogant. Er erinnerte an das Modell der Hanse: Handel ist es, der Wohlstand und Fortschritt bringt. Demokratie-Export mit dem Ziel eines Regime-Change funktioniert nicht.

Die USA:

Die Vereinigten Staaten sind eine gespaltene Gesellschaft und die geplante Steuerreform wird dies erheblich verstärken. Was die USA wirtschaftlich benötigten wären Strukturreformen, was aber erfolgt sind lediglich Finanzinterventionen. Die geplante Steuerreform ist nichts als eine Schuldenverlagerung von privater auf die staatliche Seite. Hier wird ein Schulden getriebenes Wachstum verfolgt, anstatt über einen Strukturwandel die US-Wirtschaft zu stärken. Die Auswirkungen der geplanten Deregulierungen und der Zerschlagung der internationalen Handelsabkommen auf die US-Wirtschaft werden seitens der Republikaner völlig überschätzt.

Und die Antwort auf die Frage des Abends? Ja, die Schuldenproblematik muss ernst genommen werden, die EU steht aber viel besser da als die USA/GB. Trotz aller Schieflagen ist eine nachhaltige Destabilisierung der Finanzmärkte nicht wahrscheinlich.

In der abschließenden Diskussionsrunde durfte natürlich die Frage nicht fehlen, wie sich die Märkte in 2018 entwickeln werden. Hinsichtlich der Aktienmärkte ist Folker Hellmeyer für 2018 sehr optimistisch. Den DAX sieht er in 2018 in der Spitze bei 17.000, den € spät im Jahr bei 1,25$. Lage und Entwicklung der Weltwirtschaft beurteilt er ausgesprochen positiv, das einzige Risiko, das er sieht, sind externe Ereignisse/Konflikte, die er mit einem Restrisiko von 15% ansetzt. Kryptowährungen werden Bestand haben, aber sich nicht als alleinige Währungen durchsetzen, da die Risiken zu hoch sind und keine Zentralbankfunktionalität besteht. Die 0 % Zinspolitik ist auf Dauer nicht akzeptabel, da alle verlieren, auch die Superreichen.

Die Besucher waren sich einig, ein gelungener Abend, wie der lang anhaltende Abschlussapplaus bewies!

 
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