Nachschau - Veranstaltung am 28.05.2018

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Syrien - wie geht es weiter?

 
Referent:

Dr. Kinan Jaeger

Lehrbeauftragter der Uni Bonn
Foto: Haverbusch
 

am Montag, 28. Mai 2018, 19.30 Uhr
im Haus Basten
Konrad-Adenauer-Str., 52511 Geilenkirchen

 

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vom 07.06.2018

Thema Syrien aus persönlicher Perspektive

Der Vortrag von Dr. Kinan Jaeger regt zum Nachdenken an. Er mischt wissenschaftliche Expertise mit eigenen Erfahrungen.

Von Markus Bienwald
Syrien-Experte Dr. Kinan Jaeger wirft in Geilenkirchen einen persönlichen, kritischen und auch provokanten Blick auf das vom Konflikt tief erschütterte Land. - Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Eine Meinung zum Syrien-Konflikt zu haben, ist aufgrund der vielfältigen Nachrichtenlage manchmal gar nicht so einfach. Da war es natürlich ideal, einen Redner mit syrischer Abstammung zu begrüßen. Und so berichtete Dr. Kinan Jaeger, seines Zeichens Lehrbeauftragter an der Uni Bonn, auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Aachen/Heinsberg, auch sehr persönlich über sein Vaterland. Die gemeinsame Veranstaltung von GSP, der Anton-Heinen- Volkshochschule (VHS) des Kreises Heinsberg und der Deutschen Atlantischen Gesellschaft im Geilenkirchener Haus Basten war trotz fast tropischer Temperaturen mit gut 60 Gästen bestens besucht. Dabei war das Wort „Vaterland“ beim Referenten übrigens ganz wörtlich zu nehmen, stammt sein Vater doch aus dem seit 2011 von einem tiefgreifenden Konflikt schwer erschütterten Land.

Seine doppelte Staatsbürgerschaft – deutsch und syrisch, so wie es die dortige Gesetzgebung vorsieht, wenn ein Elternteil aus Syrien stammt – machte ihm aber nicht immer nur Freude. Beispiel Wehrdienst: In Deutschland war Jaeger seinerzeit nicht mehr wehrpflichtig. In Syrien drohen ihm aber, wenn er ins Land einreisen will, nicht nur unangenehme Nachfragen, warum er den dort verpflichtenden Dienst an der Waffe nicht angetreten hat.

Syrisches Erbrecht

Es drohen auch weitere Sanktionen, was ihm nach dem Ableben seines Vaters schmerzlich deutlich wurde. „Assad hat angeordnet, dass Erben sich binnen einer Frist von vier Wochen in Syrien melden müssen“, berichtete Jaeger. Das hätte bedeutet, sich in das Land zu begeben, Sanktionen bis hin zu Haftstrafen in Kauf zu nehmen und vielleicht noch mehr. „Dann prüfen Sie ganz genau, ob Sie Ihr Erbe antreten oder ob Ihnen Ihr Leben lieber ist“, sagte er.

An diesem Beispiel entwickelte der Syrien-Experte ein Bild der Lage im Land. So seien Enteignungen beispielsweise nur ein Grund, warum aus ihrem Heimatland vor Krieg, Zerstörung und Not geflüchtete Menschen nicht mehr dorthin zurückkehren könnten. Eine Flucht, so erläuterte Jaeger, bedeute nach syrischem Recht immer auch eine illegale Ausreise, das könne bei der Rückkehr gerade für junge Männer, die ihren Militärdienst noch nicht angetreten hatten, doppelte Strafen für illegale Ausreise und Fahnenflucht nach sich ziehen. „Zudem stünden sie dann vor dem Nichts, weil sie dann nach der Flucht enteignet werden“, führte er aus.

„Die Ideologie des IS lebt“

Wie es letztlich weitergehe mit den alleine in Jordanien in einer Flüchtlingsstadt lebenden 750.000 Syrern, konnte er natürlich auch nicht prophezeien. Wohl aber konnte er sagen, dass Menschen wie die Geflüchteten in Jordanien, die dort nicht arbeiten dürfen und auch sonst keine Beschäftigung hätten, sehr empfänglich seien für radikales Gedankengut. Der IS, von Jaeger als militärisch derzeit besiegt eingestuft, erlebe daher, wie auch andere radikale Strömungen im Islam, regen Zulauf.

„Die Ideologie des IS lebt“, war Jaeger sicher. Und das sei in einem Umfeld, das von ein paar der gefährlichsten Konflikte der Jetztzeit geprägt sei, auch ein Grund, sich Gedanken über den künftigen Umgang mit Syrien zu machen. Die Europäer stünden dabei ohne Konzept da, die USA zeigten zumindest mit der militärischen Aktion nach dem vermuteten Giftgaseinsatz ihre Anwesenheit, während Russland und China in diesem sich entwickelten Machtverhältnis eine Sonderrolle zukomme. Beiderseits angetrieben von wirtschaftlichen Interessen – der Griff zum Öl im Nahen Osten über Pipelines für beide Länder und das Konzept der neuen chinesischen „Seidenstraße“ mit direktem Handelszugriff auf Europa – machten auch Syrien für diese beiden Großmächte zum interessanten Spielfeld. „So ist Syrien einer der klassischen Fälle, wo fast alle geschlafen haben“, so Jaeger.

Versagen der Vereinten Nationen

Ein Versagen auf ganzer Linie falle dabei den Vereinten Nationen zu. „Von denen hört man gar nichts mehr“, unterstrich der Referent, was wohl auch daran läge, dass sie von den USA als ihrem größten Geldgeber abhängig seien. Solange sich keine klare Linie oder ein klares Interesse zeige, sich in Syrien zu engagieren, so ließ Jaeger durchblicken, sei von den Vereinten Nationen in ihrer jetzigen Zusammensetzung nichts zu erwarten.

Den europäischen Weg sah der Referent darin, sich finanziell zu engagieren. „Wenn wir Europäer nichts tun, werden andere sich ins Fäustchen lachen“, sagte er mit einem bewusst provokanten Unterton. Ein Patentrezept für die Zukunft Syriens hatte er zwar auch nicht dabei. Klar sei aber, sagte Jaeger am Ende eines hervorragenden, mit einer Diskussionsrunde beendeten Abends, dass ein nahender Staatszerfall, wie er auch Syrien drohe und im Nahen Osten beispielsweise auch durch die derzeit eher unwahrscheinliche Einrichtung eines Kurdenstaates möglich sei, ein riesiges Problem werden könne.

 
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