Nachschau - Veranstaltung am 26.04.2018

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Integration. Ein Protokoll des Scheiterns?

 
Referenten:

Hamed Abdel-Samad

Politikwissenschaftler und Buchautor
Foto: Peter Wollring
 

Professor Dr. Mouhanad Khorchide

Islamwissenschaftler, Uni Münster
Foto: ZIT/Uni Münster
 

am Donnerstag, 26. April 2018, 19:00 Uhr
im Bonifatiushaus
Neuenberger Str. 3, 36041 Fulda

 

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vom 28.04.2018

„Die Integration in Deutschland ist gescheitert“

Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide sprachen im Bonifatiushaus

Von unserem Redaktionsmitglied
MANFRED SCHERMER
Beste Freunde: Auch wenn sich Hamed Abdel-Samad (links) einige Kritik von Mouhanad Khorchide anhören musste – unterm Strich vertreten sie doch weitgehend dieselbe Meinung. - Fotos: Marzena Seidel

NEUENBERG Fast alle in Deutschland reden seit 2015 von Integration. Einige wenige haben den Faden schon weitergesponnen und halten sie für gescheitert. So der Buchautor Hamed Abdel-Samad, der erneut für großen Andrang im Bonifatiushaus sorgte.

Wer angesichts der gleichlautenden Titel von Buch und Vortragsabend – „Integration. Ein Protokoll des Scheiterns“ – anfangs Zweifel hatte, ob Abdel- Samad nicht etwas zu schwarzmalt, der konnte die Anzeichen des Scheiterns schon angesichts der Umstände der Veranstaltung erkennen: ein Referent, den islamische Geistliche gerne ermordet sähen, der deshalb keinen festen Wohnsitz hat und unter ständigem Polizeischutz steht; ferner: Anstehen vor dem Eingang, Ausweiskontrolle, Personenschützer ständig links und rechts auf der Bühne. Wann wäre so ein Sicherheitsaufwand in früheren Jahrzehnten notwendig gewesen bei einem harmlosen Akademieabend in der Provinz – noch dazu im altehrwürdigen Bonifatiushaus?

Dessen Direktor Gunter Geiger hatte den brisanten Themenkomplex Islam, Zuwanderung und die damit verbundenen Ängste in der Bevölkerung bereits kurz angeschnitten – mit Hamed Abdel-Samad ging es aufs Ganze. Seine ruhige Art, sein bescheidenes Auftreten, seine bedächtige Wortwahl standen in einem seltsamen Kontrast zur Wucht seiner gleich zu Beginn geäußerten These vom Scheitern der Integration. Auch in seinem neuen Buch steht sie ganz vorne, was der zweite Referent, der islamische Theologe Professor Dr. Mouhanad Khorchide von der Universität Münster, später kritisierte: Warum Abdel-Samad denn das Fazit seines Buches an den Anfang stelle, statt mit der Fragestellung zu beginnen?

„Vergiftete Debatte“

Nun weiß zum einen jeder, der schon einmal „Columbo“ gesehen hat, dass es dramaturgisch durchaus funktionieren kann, das Pferd von hinten aufzuzäumen; zum anderen hatte es Abdel-Samad ja soeben vorgemacht: Ausgehend von seiner These zeigte er auf, warum er die Integration – übrigens nicht aller Migrantengruppen, wie er klarstellte, sondern die der Muslime – für gescheitert hält.

Und dabei ging er zurück ins Jahr 1995, als der gebürtige Ägypter, Sohn eines Imam, mit 23 Jahren nach Deutschland kam – und sich wunderte, mit welchem Ernst über Mülltrennung und Dosenpfand diskutiert wurde. „Ich habe gesagt: Meine Güte, wie glücklich ist diese Gesellschaft, die sich solche Headlines leisten kann.“ Heute hingegen habe sich viel verändert: „Wer hätte es gedacht, dass wir jemals in dieser Gesellschaft, 220 Jahre nach Voltaire, nach Kant, nach all diesen Debatten, nach Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, nach den Diskussionen über die Befreiung der Frauen nun über Kopftuch für Kinder diskutieren?“ Dazu Terrorabwehr, Flüchtlinge, Kriminalität, in französischen Städten patrouilliere das Militär, manche Behörden glichen Hochsicherheitstrakten: „Wäre die Integration in Europa gelungen, hätten wir diese Debatten nicht“, so der Politikwissenschaftler. „Wir hätten diese Debatten zumindest nicht so verkrampft und so vergiftet.“

Ja, es gebe Muslime, die es geschafft hätten, sich durch eigene Kraft, Verantwortung und Entscheidungen zu integrieren, auch ohne Integrationsleistungen des Staates zu bekommen. „Aber in der Masse war die muslimische Einwanderung in Deutschland leider keine Erfolgsgeschichte.“ Integration funktioniere auf vier Feldern: strukturell, kulturell, sozial und emotional. Doch weder auf dem Arbeitsmarkt, bei der Bildung und dem Zugang zu Institutionen sei die Eingliederung geglückt, noch bei der kulturellen Teilhabe, der Identifikation mit der Kultur des Landes; sozial finde keine Durchmischung statt, sondern es entstünden Parallelgesellschaften, Migrantenviertel, aus denen sich der deutsche Staat zurückgezogen und ein Vakuum hinterlassen habe, das von arabischen, teils kriminellen Großfamilien und Islamisten gefüllt werde.

Abdel-Samad beschrieb die Bedingungen in diesen Vierteln als eine Art Stockholm Syndrom: Die dort lebenden Menschen merkten nicht, dass sie nicht frei seien, sondern würden ihre Werte sogar verteidigen. „Eine junge Muslima mit Kopftuch, die gebildet ist, die eigentlich unsere Hoffnung sein sollte auf Verbesserung, auf Zerschlagung dieser Strukturen, trägt das Patriarchat auf dem Kopf und den Schultern und redet davon, dass das Kopftuch ein Zeichen ihrer Emanzipation ist.“

„Wir fördern die Falschen“

Am wichtigsten sei aber die emotionale Integration, die Verbundenheit mit dem Land. Auch sie hält Abdel-Samad für gescheitert und begründet dies etwa mit den vielen junge Türken, die hier aufgewachsen seien – und trotzdem Erdogan gewählt hätten. „Da muss man sich fragen: Was machen die Communities falsch? Und was macht unser Schulsystem falsch, das nicht in der Lage ist, Freiheit besser zu verkaufen?“

Freiheit ist für Abdel-Samad ohnehin das A und O der Integration: „Wenn die Eltern begreifen, dass die Freiheit eine Chance für ihre Kinder ist und keine Bedrohung, dann gibt es auch eine Chance auf Integration.“ Bei einem der Interviews für sein Buch habe eine türkische Frau etwas gesagt, das er für den Schlüsselsatz für Integration halte: „Meine Eltern kamen ohne Angst nach Deutschland und haben uns angstfrei erzogen.“ Bevor man über Integrationskurse spreche, müsse die Bereitschaft zur Integration da sein.

Diese Interviews sowie Abdel- Samads Ablehnung der in seinen Augen politisch initiierten Bertelsmann-Studie, die im August 2017 kurz vor der Bundestagswahl der Integration muslimischer Einwanderer große Fortschritte bescheinigte, boten Mouhanad Khorchide Ansatzpunkte für Kritik, die aber stets die Methodik seines Freundes betraf: zu pauschal, zu ungenau, zu wenig wissenschaftlich. Inhaltlich dagegen stimmten der Professor für islamische Religionspädagogik – Khorchide vertritt einen reformatorisch- humanistischen Ansatz und steht daher selbst unter Polizeischutz – und Abdel- Samad weitgehend überein: Der politische Islam sei eine Gefahr für Freiheit und Demokratie, so beider Tenor. Doch leider fördere die Politik den politischen Islam auch noch, wenn sie mit Verbänden wie der türkischen Ditib rede und diese finanziell unterstütze. „Wir fördern die Falschen!“, warnte Abdel-Samad.

Später, bei der von Michael Trost, dem Fuldaer Sektionsleiter der den Abend mitveranstaltenden Gesellschaft für Sicherheitspolitik, moderierten Fragerunde kam Abdel-Samad noch einmal darauf zurück: Eine Fragestellerin hatte darauf hingewiesen, dass der politische Islam Integration verhindere – und jede nicht gelungene Integration den politischen Islam stärke. Abdel-Samad nickte nur: „Ein Teufelskreis.“

Doch während Khorchide auf eine theologische Lösung, eine Art innerislamische Reformation hofft, hält Abdel-Samad dies für äußerst unwahrscheinlich und setzt auf die Macht der Aufklärung, der Befreiung von religiösen Zwängen. Der einzige Punkt, an dem die beiden wirklich unterschiedlicher Meinung sind.

 

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Impressionen von der Veranstaltung

 
  • Bonifatiushaus-Direktor Gunter Geiger bei der Begrüßung - Foto: Gisbert Hluchnik

  • Eingangsstatement von Hamed Abdel-Samad - Foto: Gisbert Hluchnik

  • Mouhanad Khorchide bei seinem kritischen Statement zum Buch seines Freundes Abdel-Samad - Foto: Gisbert Hluchnik

  • Mit nachdenklicher Miene: Abdel-Samad und Moderator Michael Trost - Foto: Gisbert Hluchnik

  • Die Fragerunde beginnt - Foto: Gisbert Hluchnik

  • Interessante Fragen aus dem Publikum von Alt ... - Foto: Gisbert Hluchnik

  • ... und Jung - Foto: Gisbert Hluchnik

  • Engagiert und kenntnisreich gehen beide Referenten auf die Fragesteller ein - Foto: Gisbert Hluchnik

  • Gespannte Aufmerksamkeit bei den Zuhörern - Foto: Gisbert Hluchnik

 

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vom 02.05.2018

Interview

„Die Demografie schafft unumkehrbare Fakten“

Islamkritiker Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide über Integration und Religion

Von unserem Redaktionsmitglied
MANFRED SCHERMER
Hamed Abdel-Samad (links) und Mouhanad Khorchide im Gespräch mit den Redakteuren (von links) Manfred Schermer, Thomas Schafranek und Patrick Wichmann. - Foto: Marzena Seidel

FULDA

Ist die Integration in Deutschland gescheitert? Welche Gefahren gehen vom politischen Islam aus? Unsere Zeitung sprach mit den beiden Islamkritikern Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide.

Herr Abdel-Samad, nach mehreren Bestsellern über den Islam trägt Ihr jüngstes Buch den Titel „Integration: Ein Protokoll des Scheiterns“. Woran scheitert Integration in Deutschland?

Abdel-Samad: Die Integration in Deutschland scheitert an der Geisteshaltung der Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder zu 100 Prozent Teil dieser Gesellschaft werden, das heißt, dass sie auch die Moral und die Lebensweise übernehmen. Sie scheitert an einer Integrationspolitik, die nie stattgefunden hat und die jetzt viel zu spät nur mit kosmetischen Korrekturen kommt.

Trägt auch das Bildungssystem eine Mitschuld?

Abdel-Samad: Ja, denn es war ursprünglich gemacht für deutsche Mittelschichtkinder, die von ihren Eltern bei den Hausaufgaben unterstützt werden und die Sprache gut beherrschen. Aber man hatte nicht berücksichtigt, dass Kinder dazukommen, die schlecht oder gar kein Deutsch sprechen und von ihren Eltern nicht unterstützt werden können, weil diese noch schlechter Deutsch sprechen.

Welche Rolle spielt die Religion, vor allem der Islam?

Abdel-Samad: Die Integration scheitert vor allem an der Institutionalisierung des Islam in Deutschland, wo die Islamverbände immer mehr Macht gewinnen. Und sie scheitert an der Angst vor der deutschen Mentalität, vor der Freiheit. Integration scheitert aber auch an der Integrationsindustrie, die immer größer wird, je mehr die Integration scheitert. All diese Vereine und Firmen – irgendwann will man doch einmal ein Ergebnis sehen. Doch was sieht man: je mehr Projekte, umso mehr Radikalismus, mehr gescheiterte Integration. Doch dass es gut läuft, ist gar nicht im Interesse dieser Projekte, denn wenn Integration gelingt, dann schaffen sie sich selbst ab.

Das werden Ihre Kritiker vermutlich anders sehen.

Abdel-Samad: Und an der Art dieses Diskurses scheitert Integration auch. Wir haben keinen gesunden Streit über dieses Thema. Es muss irgendjemand kommen mit einem Buch oder Artikel und er wird öffentlich gekreuzigt, wenn er Missstände beschreibt. Man hätte zum Beispiel einige Kritik an Thilo Sarrazin vorbringen könne, ich auch, aber die Art und Weise, wie mit ihm umgegangen wurde, hat die Debatte gekillt. Diese emotionale Art mit dem moralischen Zeigefinger. Es gab keine Analyse, sondern moralische Empörung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Muslime selbst sehr empfindlich sind und sich sehr oft beleidigt äußern, zumindest die Wortführer, egal aus welchem Lager, ob säkular oder vom politischen Islam. Diese beleidigte Opferhaltung hemmt so viele Leute. Dann haben wir die Linken und Rechten, die auch keinen positiven Beitrag leisten. Die Rechten scheren alle Muslime über einen Kamm, die Linken nehmen sie in Schutz und behandeln sie wie Kuscheltiere. All das hat dazu geführt, dass sich die Fronten verhärten.

Was ist wichtiger: der Wille der Einwanderer, sich zu integrieren, oder die Bereitschaft der aufnehmenden Bevölkerung dazu?

Abdel-Samad: Das größere Gewicht liegt bei den Einwanderern selbst. Einwanderung ist eine Bringschuld. Wenn ich in ein Land einwandere, dann muss ich wissen, worauf ich mich einlassen, warum ich mich für dieses Land entschieden habe. Und dann muss ich erkennen, dass ich nicht das Gesamtpaket, das ich aus der Heimat mitgebracht habe, eins zu eins hier wieder auslebe.

Es gibt aber doch auch sicher positive Beispiele?

Abdel-Samad: Ja. Ich habe in meinem Buch eine türkische Frau zitiert, die gesagt hat, meine Eltern kamen ohne Angst nach Deutschland und haben uns angstfrei erzogen. Das war für mich der Schlüsselsatz, dass man nicht mit Skepsis und Angst hierher kommt, teilweise sogar mit Verachtung gegenüber Deutschland. Und dass man die Kinder frei erzieht, dass sie vielleicht einen anderen Lebensweg gehen als die Eltern. Viele Muslime haben die Vorstellung, dass ihr Kind ihr Besitz ist, nicht ein unabhängiges Wesen, das das Recht hat, sich frei zu entfalten. Und deshalb wollen sie alles bestimmen. Daher kommen die Kopftücher und die Angst vor falschem Essen, Sport, Musik, Klassenfahrten, Schwimmunterricht.

Nun gibt es Schulen in Großstädten, wo der Mi - grantenanteil in den Klassen schon bei 80 bis 90 Prozent liegt? Welchen Anreiz sollten diese Menschen denn überhaupt haben, sich integrieren zu wollen?

Abdel-Samad: Es fragen sich tatsächlich viele, wohin sie sich überhaupt integrieren sollen. Wenn ich das bei Interviews anspreche, fragen mich die meisten Leute: „Warum? Ich muss mich nirgendwohin integrieren.“ Dieser Satz kam so oft vor. Man ist der Meinung, die eigene Lebensweise ist die bessere, die eigene Kultur ist die bessere. Und man sieht nicht ein, warum man sie aufgeben sollte, um den Deutschen zu gefallen, bei denen viele Migranten keine Identität erkennen können. Als Frau Özoguz gesagt hat, sie könne außer der Sprache gar keine deutsche Kultur erkennen, da hätte man ihr sagen können: Ja, Frau Özoguz, Sie können keine deutsche Kultur hier erkennen, weil diese Kultur frei und ambivalent ist und den Menschen nicht wie in der islamischen Kultur alles durchreguliert wird.

Ist die Entwicklung noch aufzuhalten?

Abdel-Samad: Ich entwerfe ja am Ende meines Buches diese Dystopie, wo die Deutschen in die ländlichen Gebiete abwandern und die Großstädte fest in der Hand von Menschen mit Migrationshintergrund sind. Das ist eine rein mathematische Angelegenheit. Und manche Deutsche werden sich da hinein integrieren. Das passiert zum Beispiel schon an Schulen: Dort nutzen nicht Kinder mit Migrationshintergrund die Kontakte zu deutschen Schülern, damit sie besser Deutsch sprechen, sondern das Gegenteil passiert, die deutschen Schüler fangen an, migrantisch zu reden. Ich habe aber auch kein Konzept dagegen, das hätte schon vor Jahrzehnten kommen müssen.

Könnte die westliche Gesellschaft an ihrer Toleranz scheitern?

Abdel-Samad: Demokratie und Freiheit sind das Wunderbarste überhaupt. Aber leider hat diese Demokratie keine Mechanismen entwickelt, Feinde der Demokratie vehement zu bekämpfen. Diese Toleranz hat nicht im Hinterkopf, dass die Intoleranz im Namen der Toleranz ihre Infrastruktur ausbaut. Zwar ist sehr oft von der wehrhaften Demokratie zu hören, doch wo war die Demokratie wehrhaft, als die Islamisten sukzessive ihre Infrastruktur ausgebaut haben? Man beschneidet andere Werte im Namen der Toleranz. Da wird die Meinungsfreiheit ein bisschen unterdrückt und über das Grundgesetz verhandelt, Werte des Grundgesetzes beiseitegelegt: Schächtung von Tieren, Körperverletzung von Kindern durch Beschneidung, Kinderehen, Mehrehen. Damit die Gesellschaft offen und demokratisch bleibt, muss sie Instrumente entwickeln, ihre Feinde konsequent zu bekämpfen. Das geschieht leider nicht.

Befürchten Sie, dass uns die Zeit davonläuft?

Abdel-Samad: Ja. Absolut. Es ist wirklich eine Frage der Zeit. Die Demografie schafft unumkehrbare Fakten. Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass der Staat das als nationales Projekt ernst nimmt und zur Chefsache macht, um zu retten, was noch zu retten ist. Es gibt kein Konzept. Wir leben in einer freien Gesellschaft und können die Leute nicht umerziehen. Und so wartet man – bis es explodiert. Wir brauchen nur eine einzige Wirtschaftskrise, in der der Staat nicht mehr in der Lage ist, diese Massen mit Sozialhilfe zu versorgen, dann werden wir sehen, wie die gesellschaftlichen Gruppen aufeinander losgehen werden.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal hat in seinem Buch „Allahs Narren“ beschrieben, wie radikale Islamisten in seiner Heimat Stück für Stück die Macht übernommen haben. Ist eine ähnliche Entwicklung in Europa denkbar?

Abdel-Samad: Ja, aber vielleicht nicht wie in Algerien, sondern wie in der Türkei. Das, was dort seit den 1980er Jahren passiert, passiert in Deutschland auch konsequent. Die Türkei war ein säkularer Staat. Und dann kamen die ersten religiösen Bewegungen und forderten im Namen der Teilhabe religiöse Schulen. Dort wurden dann die Kader der Bewegung ausgebildet, die später in die Justiz, die Armee, die Polizei, in das Bildungssystem gelangt sind und den Weg geebnet haben für Erdogan. Ähnliches geschieht mit der gleichen Taktik in Deutschland: zuerst die Forderung nach religiösen Schulen, dann die Kopftuchdebatte. Das sind immer die Vorboten der Islamisierung. Wir merken das doch schon. Da wird behauptet, das Kopftuch sei ein Zeichen der Emanzipation – und man glaubt es. Die Islamisten haben natürlich gelernt, die werden nicht sagen, dass das Kopftuch eine moralische Verpflichtung ist, weil ein Mann sexuell erregt wird, wenn er die Haare einer Frau sieht. Die Islamisten wissen, dass ihre Verbündeten hier so etwas ungern hören. Also redet man von Emanzipation, Teilhabe, Selbstbestimmung – ein Etikettenschwindel.

Sie beide sind ja als Islamkritiker bekannt. Stehen Sie mit Ihrer Überzeugung einsam an der Spitze oder gibt es auch noch andere?

Khorchide: Man muss unterscheiden zwischen den Muslimen, die unsere Gedanken wohlwollend annehmen, und denen, die sich nach außen artikulieren. Wir sind beide laut, wir schreiben Bücher, was aber nicht heißt, dass es nicht auch viele andere gibt, die so denken. Hamad Abdel- Samad hat zum Beispiel einen YouTube-Channel auf Arabisch mit über einer Million Followern in der arabischen Welt. Ich selbst treffe immer wieder auf Muslime, die mir sagen: Was du sagst, ist genau das, was ich immer gedacht habe. Dennoch glaube ich, dass diejenige, die kritisch denken, nicht die Mehrheit darstellen.

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger soll einmal gefragt haben: „Welche Nummer muss ich anrufen, um Europa zu erreichen?“ Unter welcher Nummer erreicht man den Islam?

Khorchide: Es gibt ja keine Institutionen im Islam, keine Hierarchie. Und das heißt, es gibt verschiedene Wege, um Muslime zu erreichen. Man muss die Autoritäten anrufen. Man merkt es jetzt zum Beispiel in Saudi Arabien: Es kommt ein Wandel in Richtung eines eher offenen Islams, aber nicht, weil es von unten kommt, sondern weil der Kronprinz das so verordnet. Rufen Sie also ihn an – um den sunnitischen Islam zu erreichen! Trump hat das gemacht, und entsprechen modernisiert sich jetzt dort der Islam.

Wie sehen Sie denn die Lage in Saudi Arabien? Sie sind da ja aufgewachsen. Ist das ernst gemeint?

Khorchide: Ich denke, es ist ehrlich gemeint. Nicht, um die Religion selbst zu reformieren, sondern aus politischem Interesse. Einerseits will man den Anschluss an die westliche Welt nicht verpassen, andererseits wird die Bevölkerung immer frustrierter. Die Ressourcen gehen aus, auch in Saudi Arabien. Und es gibt noch einen wesentlichen Grund: Der IS hat sich auch gegen Saudi Arabien gerichtet, und der IS, das ist der wahhabitische Gedanke. Zum ersten Mal erntet Saudi Arabien die negativen Früchte seiner eigenen Ideologie. Deshalb hat der Kronprinz vor kurzem in einem Interview gesagt, die Saudis seien keine Wahhabiten mehr. Er distanziert sich also von dieser Ideologie, die sich gegen das eigene Land gerichtet hat. Ich bin sehr optimistisch, was das angeht. Weil Saudi Arabien es in den letzten 30 Jahren geschafft hat, mit vielen Mitteln den Wahhabismus in die Welt zu exportieren. Wenn Saudi Arabien es heute gelingt, mit derselben Wucht den gemäßigten Islam zu verbreiten, haben wir sehr bald ein anderes Bild vom Islam in der Welt.

Wenn es von oben verordnet wird, könnte es aber auch wieder andersrum gehen – wie in der Türkei.

Khorchide: Das ist die Gegenbewegung in der Türkei. Die Türkei unterstützt die Muslimbrüder sehr stark, während Saudi Arabien sie zu Erzfeinden erklärt hat. Und so spaltet sich die islamische Welt mit der Türkei und Katar auf der einen Seite und Saudi Arabien und fast dem ganzen Rest der sunnitischen Welt auf der anderen. Aber Saudi Arabien bleibt in religiöser Hinsicht viel mächtiger als die Türkei.

Abdel-Samad: Ich bin da pessimistisch. Was die Moscheen jahrzehntelang gepredigt haben, das kann nicht ein Kronprinz über Nacht per Dekret beseitigen. Das haben viele schon versucht im Nahen Osten: Nasser in Ägypten, Saddam Hussein im Irak. Sie haben versucht, den Einfluss der Religion zu begrenzen und ein halbwegs westliches Leben zu führen, auch der Schah im Iran, Atatürk in der Türkei. Und alles wurde rückgängig gemacht, weil tief unter der Oberfläche diese Verbundenheit mit der mittelalterlichen Theologie immer da war.

Die Fragen stellten Manfred Schermer, Thomas Schafranek und Patrick Wichmann.

Zu den Personen

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, geboren 1971 in Beirut, aufgewachsen in Saudi-Arabien, studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik an der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und als solcher der bekannteste muslimische Theologe in Deutschland. Ebenso wie Hamed Abdel-Samad setzt er sich für einen kritischen inner-islamischen Dialog ein.

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 bei Kairo, studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik. Er arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Abdel-Samad ist Mitglied der Deutschen Islam Konferenz, zählt zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum und ist in der Öffentlichkeit als Autor islamkritischer Werke bekannt.

 
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